Haselhorst

Die Reichsforschungssiedlung

Moderne Balkonkonstruktion
Moderne Balkonkonstruktion

Von 1930 bis 1935 errichtete die Gewobag in Haselhorst ein Stadtquartier für rund 12.000 Menschen – das größte Wohnungsbauprojekt im Berlin der Weimarer Republik. Der Name Reichsforschungssiedlung geht auf die "Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen" zurück, die der Reichstag 1927 damit beauftragte, Lösungen für die drängende Wohnungsnot zu erarbeiten. Zu den Initiatoren gehörten die liberale Reichstagsabgeordnete Marie-Elisabeth Lüders, der Bauhaus-Gründer Walter Gropius und der Architekt Otto Bartning. Die Reichsforschungsgesellschaft erarbeitete Vorschläge für die Optimierung von Wohnungsgrundrissen und Kücheneinrichtungen, sie förderte Untersuchungen beim Bau von modernen Siedlungen in Dessau, Hamburg oder München. Ihr größtes Projekt war die Errichtung einer Großsiedlung in der Hauptstadt, um dort neue architektonische Ideen, Bautechniken, Baustoffe und Bauabläufe zu erproben.

Berühmte Architekten

Entwurf von Walter Gropius
Entwurf von Walter Gropius

1928 schrieb die Reichsforschungsgesellschaft einen städtebaulichen Ideenwettbewerb aus. Der ersten Preis ging an Walter Gropius und den Ingenieur Stephan Fischer. Doch kam keiner der 221 Wettbewerbsteilnehmer bei der Realisierung zum Zuge. Gropius favorisierte eine Bebauung mit 10- bis 12-stöckigen Wohnzeilen. Mit dieser Vorstellung konnte er sich jedoch nicht durchsetzen, da es an praktischer Erfahrung mit Wohnhochhäusern fehlte und eine viergeschossige Bebauung damals die günstigere Lösung darstellte. Es kam zum Zerwürfnis zwischen Gropius und der Reichsforschungsgesellschaft, das 45 Hektar große Areal wurde in mehrere Baublöcke aufgeteilt und Planungsaufträge an verschiedene Architekten vergeben. Zunächst entstanden 1.220 Wohnungen und eine Ladenzeile nach Plänen von Fred Forbát zwischen Haselhorster Damm, Gartenfelder Straße, Daumstraße und Burscheider Weg. Die Architekten Paul Mebes und Paul Emmerich entwarfen den Bereich zwischen Haselhorster und Saatwinkler Damm, Gartenfelder und Riensbergstraße mit 634 Wohneinheiten. Zu den weiteren Bauabschnitten lieferten unter anderem Otto Bartning, Erich Bohne, Peter Jürgensen, Alfred Gellhorn sowie Ernst und Günther Paulus die Entwürfe.

Gründungsprojekt der Gewobag

Reichforschungssiedlung im Bau (1931)
Reichforschungssiedlung im Bau (1931)

Die Reichsforschungsgesellschaft musste sich 1931 auflösen – auch auf Druck der Rechtsparteien, deren Einfluss im Reichstag infolge der Wirtschaftskrise zunahm. Die zunächst nur mit der Baudurchführung beauftragte Gewobag vollendete die Reichsforschungssiedlung bis 1935 in eigener Regie. Das Unternehmen legte damit den Grundstein für den Aufstieg zu einer der größten Wohnungsbaugesellschaften in Berlin.