Ralf Rajemann steht in seiner Bäckerei.
1. Mai 2020

Der Bäckerei Rajemann im Kiez Ecke Schönhauser

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Bäckerei Rajemann: Familientradition in zweiter Generation.

Die Ecke Schönhauser ist typisch für Berlin und den Puls der Großstadt. Ein paar Meter von der ehemaligen Berliner Mauer entfernt ist sie Dreh- und Angelpunkt verschiedener Kieze in Prenzlauer Berg. Kastanien- und Pappelallee gehen von der Kreuzung ab, Tauben fliegen über die Hochbahn der U2 und Straßenbahnen donnern über Schienenkreuze. Den Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase inspirierte die Kreuzung einst zum Filmklassiker „Berlin – Ecke Schönhauser“ von 1957 mit Horst Buchholz.


Eckhaus und U-Bahn-Brücke an der Eberswalderstraße bei der Ecke Schönhauser.
Hot Spot im Prenzlauer Berg: Ecke Schönhauser.

Ein paar Meter weiter, in der Pappelallee 85, im Vergleich zu ihrer Schwester, der Kastanienallee, die ruhigere, hat seit den siebziger Jahren die Bäckerei Rajemann in zweiter Generation ihren Platz. Hier wird sechs Tage in der Woche frisch gebacken und Bäckermeister Ralf Rajemann kann eine Menge über den Kiez an der Ecke Schönhauser erzählen, in dem er aufgewachsen ist. Wir treffen ihn am Ende seines Arbeitstages, gegen neun Uhr am Morgen, in der Bäckerei. Die Kundschaft ist so vielfältig wie der Kiez. Schulkinder, NachbarInnen, Geschäftsleute, BauarbeiterInnen, Zugezogene und UrberlinerInnen.

Mädchen mit Schulranzen in der Bäckerei Rajemann.
Bäckerei Rajemann in der Pappelallee 85

„Einen Frischen bitte, aber bitte mit viel Milch“, so eine Bestellung. Nach dem Wochenende wird sich erkundigt, ob es der Familie – gerade in Corona-Zeiten – gut geht.

„Entschuldigen Sie, dass es gerade ein bisschen länger gedauert hat, habe mit dem älteren Kunden drei Wörter mehr gesprochen, der hatte gerade Geburtstag gehabt“, erklärt Frau Rajemann einer Kundin.

Kaffeepäckchen, Vanille- und Erdbeermilch stehen in Regalen, die Kiezzeitung mein/4 und das Stadionheft vom Fußballclub Empor Berlin liegen auf dem Stehtisch. Zettel mit Einkaufsangeboten hängen an der Tür, Meisterurkunden in Bilderrahmen. Ob Hefezopf, Schrippe oder Sandgebäck, Obstkuchen, Mürbeecke, Lerchen und Eisenbahnschienen – OstberlinerInnen erliegen ihren Déjà-vus, die anderen KundInnen den hausgemachten Leckereien. Ralf Rajemann erzählt uns von seinem Kiez an der Ecke Schönhauser und seinem Beruf, der für ihn Berufung ist.

Verkäuferin an der Theke in der Bäckerei Rajemann an der Ecke Schönhauser.
Verkäuferin der Bäckerei Rajemann.

Herr Rajemann, seit wann sind Sie hier in der Pappelallee Bäckermeister?

Seit dem 01.08.1990. Zeitgleich mit der Währungsunion im Prinzip. Nach der Währungsunion hatten wir vier Wochen geschlossen und dann mit der D-Mark angefangen. Bis dahin hatte mein Vater seit 1971 den Betrieb geführt. Meine Mutter hat auch bei ihm im Laden gestanden, wie jetzt hier meine Frau.

Wie hat sich die Ecke Schönhauser Allee, speziell die Pappelallee, in den Jahrzehnten verändert?

Ja, das sind wirklich Jahrzehnte. Ich bin hier nahe der Ecke Schönhauser zur Schule gegangen, um die Ecke in der Greifenhagener Straße.

Eigentlich hat sich alles verändert. Die Häuser sind alle gemacht, die Bürgersteige sind gemacht. Das sah ja hier nun vor dreißig Jahren alles komplett anders aus. Gar nicht vergleichbar. Vom Optischen her hat es sich auf alle Fälle zum Positiven verändert.

Wann gehen Sie eigentlich schlafen, damit Sie um 1.30 Uhr in der Früh anfangen können?

Wir schlafen immer in Schichten. Auf den Mittag drei Stunden und nachts drei Stunden.

Ist das gesund?

Das ist und war die einzige Möglichkeit, um mit der Familie zu sein. Wenn ich um siebzehn Uhr ins Bett gehen würde, dann hätte ich niemanden von den Kindern kennengelernt.

Gehen denn ihre Kinder auch ins Bäckereihandwerk?

Mein Sohn hat es auch gelernt und auch zehn Jahre hier mitgearbeitet. Er macht aber jetzt was anderes. Auch wegen der Arbeitszeit. Das ist nichts für junge Leute.

Ralf Rajemann in seiner Bäcker-Werkstatt an der Ecke Schönhauser beim Brot machen.
Der Arbeitstag von Bäckermeister Ralf Rajemann beginnt um 1.30 Uhr in der Früh.

Haben Sie Probleme, Nachwuchs zu finden?

Ja. Mit dem Nachwuchs wird es schwer. Aber unser Bäcker, der bei uns arbeitet, hat auch hier gelernt.

Stehen Sie immer gerne auf?

Ja. Das ist wirklich eine Berufung.

Was ist es denn, was Sie an Ihrem Beruf lieben?

Ich habe ja schon meine Kindheit in der Backstube verbracht. In der DDR-Zeit durfte ich nicht in den Kindergarten, weil meine Eltern selbstständig waren, und das war zu DDR-Zeiten nicht gewollt. Dann hat meine Mutter gesagt, dann brauchst du auch nicht zu den Pionieren gehen. Bei der FDJ war ich dann auch nicht. Aber zur Volksarmee musste ich. Da kam ich nicht drum herum. Achtzehn Monate. Der Pflichtbeitrag. Die Berufsentscheidung, Bäcker zu werden, war für mich einfach, weil es mir Spaß gemacht hat. Nach der Ausbildung habe ich die ersten zehn Jahre bei meinem Vater mitgearbeitet. Nach der Lehre habe ich ein Jahr Pause gemacht. Ich wollte mal keine Schule mehr sehen – und dann meinen Meister gemacht.

Hatten Sie mal Angst, dass er mit der Bäckerei nicht weitergeht?

Öfter. Am Anfang, als die D-Mark kam, kam kein Mensch hier einkaufen. Wir haben gebacken und abends alles weggeschmissen. In der ersten Zeit hieß es ja, für die Ostschrippe gebe ich ja keine Westmark aus. Das hat sich gewandelt. Die Schrippe ist wieder im Kommen.

Ist die Bäckerei ein sozialer Anlaufpunkt?

Ja, gerade in der Corona-Zeit waren wir auch Anlaufpunkt, wie zum Beispiel für die ältere Frau, die hier nebenan wohnt und schon dreiundneunzig ist. Die ruft uns an, wenn sie was braucht. Klar, sie hat gerade Angst. Dann bringen wir ihr hoch, was sie braucht. Gerade für die älteren Leute sind wir schon sehr wichtig hier im Kiez, würde ich sagen. Die erzählen von ihren Schwierigkeiten, die sie haben, ob der Hund gestorben ist oder der Vogel. Das gehört einfach dazu. Das ist ja auch das Flair. Man kennt sich. Wie gesagt, wir sind hier aufgewachsen. Man sieht jetzt die Kinder von den Kindern.

Amerikaner mit Mund-Nase-Schutz.

Welche Bedeutung hat es für einen Handwerksbetrieb, über Jahrzehnte am gleichen Standort zu sein?

Das ist sehr wichtig. Der Standort ist mit uns verbunden. Es kommen auch Leute, die hier früher mal gewohnt haben und einfach mal wieder vorbeischauen. Früher war das hier auch eine bekannte Abkürzung durch die Hinterhöfe, wenn man zur Schönhauser zur U-Bahn wollte. Da ist hier die halbe Straße durchgelaufen.

Ist die Konkurrenz groß?

Nein. Im Gegenteil, wir sind ja eher befreundet. Wir treffen uns ja mit den Bäckern, die es hier noch gibt, zum Stammtisch. Früher waren es nur die vom Prenzlauer Berg, da gab es ja noch mehr Bäcker, jetzt ist auch Pankow dabei. Man tauscht sich aus, hilft sich, wenn man Probleme hat oder was braucht. Das ist noch ein Überbleibsel von der DDR. Das war schon immer so, dass man sich jeden zweiten Mittwoch im Monat getroffen hat.

Was wünschen Sie sich für den Kiez?

Er soll so bleiben, wie er ist.

Photos © Felix Seyfert


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