„Das hier ist kein Yuppie-Laden!“

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Wie in einem Brennglas lässt sich in der Karl-Marx-Allee ein Teil der Geschichte Berlins nacherzählen. Hier sollten in den 1950er-Jahren Paläste für Arbeiter und Bauern entstehen. Eingezogen sind später eher die Linientreuen, die Nomenklatura, die Parteikader und die „normalen“ Menschen, die per Losglück Wohnungen zugewiesen bekommen haben sollen.


Hier, auf der Karl-Marx-Allee, spielten sich die von der DDR-Regierung inszenierten Militärparaden ab. Hier fanden später aber auch Demonstrationen für Mauerfall und Wende statt. Und heute leben hier immer noch Menschen, die all diese Umbrüche miterlebt haben, bis hin zur beginnenden Gentrifizierung der Allee.

Ein paar der Orte gibt es noch, die alle Umbrüche mit- und überlebt haben. Man kann sie an einer Hand abzählen. Orte wie das „Café Sibylle“. Angelika Zachau übernahm das insolvente Café, noch bevor der komplette Wohnblock Anfang 2019 von der Gewobag zurückgekauft wurde. Wir trafen sie und ihre Kollegin Karin Baumert auf – na, was wohl? – Kaffee und Kuchen, um zu erfahren, was sich im ersten Jahr nach der Wiedereröffnung so getan hat.

1953 als Milchtrinkhalle eröffnet und in den 1960er-Jahren in „Café Sibylle“ umbenannt.

Frau Zachau, Frau Baumert, wie kam es überhaupt dazu, dass Sie im Oktober 2018 das „Café Sibylle“ übernommen haben?

Zachau: Wir bekamen die Nachricht, dass für das Café ein neuer Betreiber gesucht wurde. Das Café ist ein historischer, ein erhaltenswerter Ort. Ein Ort mit starker soziokultureller Bedeutung, und das nicht nur für diesen Kiez. Da haben wir nicht lange überlegt.

Baumert: Ja, das „Café Sibylle“ ist ein Kultort. Das fängt schon mit dem Namen an, benannt nach der DDR-Frauenzeitschrift „Sibylle“. Einer Frauenzeitschrift, deren Frauenbild die werktätige Frau in den Mittelpunkt rückte, mit selbst genähter Kleidung, Mode usw. Wir wussten, das passt zu uns.

Angelika Zachau betreibt das „Café Sibylle“ mit ihrer Kollegin Karin Baumert

Wie lief das genau ab, als Sie das Café übernommen haben?

Zachau: Das war nicht ganz unproblematisch. Als wir anfingen, hatten wir schon ein wenig Gegenwind. Es gab diverse Konflikte. Manche hatten Angst, dass hieraus irgendein Schickimicki-Lokal wird. Ich bin aus dem Ruhrpott, und viele dachen: Jetzt wird hier ein weiterer Wessi-Angeber-Laden eröffnet. Aber das hier ist kein Yuppie-Laden!

Baumert: Unser Ziel war ja der Erhalt der „Sibylle“. Sonst hätten wir das Ganze umbenannt. Das mussten wir denen, die erst einmal was dagegen hatten, zunächst beweisen.

Und wie macht man das?

Baumert: Indem Vereine, die hier schon immer Veranstaltungen organisieren, dies auch weiterhin tun können. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes hält hier beispielsweise jeden 3. Montag kostenlos ihren Jour fixe ab. Außerdem haben wir nach wie vor diverse Ausstellungen hier, wie beispielsweise die über die Geschichte der Karl-Marx-Allee. Wir führen Etabliertes weiterhin fort.

Teil der Dauerausstellung über die Geschichte der Karl-Marx-Allee im „Café Sibylle“.

Was war die größte Herausforderung bei der Wiedereröffnung?

Zachau: Es ging uns ja von vornherein nicht ausschließlich um ein gastronomisches Projekt. Da hätten wir was anderes gewählt! Das Zusammenspiel aus Veranstaltungen auf der Bühne, Ausstellungen, einem Zentrum für die Nachbarschaft gefällt uns, daran halten wir weiterhin fest. Denn das „Café Sibylle“ ist mehr als nur ein Café. Aber ein bisschen was muss man dann doch ändern. Die Karte beispielsweise. Ohne im Preis arg nach oben abzudriften. Das würden sich dann ja nur noch Touristen leisten können. Wir wollen aber weiterhin auch den gesamten Kiez ansprechen. Und wir haben natürlich etwas saniert und restauriert, aber im Kern ist die Identität immer dieselbe geblieben. Das ist die Herausforderung: Ein Café voller Geschichte weiterzubetreiben. Das hört sich leichter an, als man denkt.

Auf was muss man da genau achten?

Baumert: In den ersten Tagen haben wir beispielsweise den Denkmalschutz eingeladen und gefragt, was besonders ist und was erhalten werden muss. Hier steht viel unter Schutz. Das heißt auch, dass wir nicht viel verändern dürfen. Aber man findet immer wieder Kompromisse, und das ist die Schönheit des Ortes wert. Das Stammpublikum soll weiter erhalten bleiben und auch neues Publikum angelockt werden. Dafür muss man sich ein Programm überlegen.

Eisbecher, Milch-Shakes und Südfrüchte: originales Wanddekor.

Wie war das für Sie, als die Gewobag dieses Haus statt der Deutsche Wohnen übernommen hat?

Zachau: Na, da haben wir uns sehr gefreut. Wir sehen dadurch auch eine längere Perspektive für das Café. Die Gewobag ist ja auch als Wohnungsunternehmen dieser Stadt eng mit dem Senat verbunden.

Was sagen Sie zum Kiez hier? Nehmen Sie die Veränderungen wahr?

Baumert: Dazu kann ich was sagen, denn ich bin Ost-Berlinerin, und diese Straße kenne ich sehr gut, noch aus meiner Jugend. Hier war mal mehr los, es war viel mehr Flaniermeile, als es heute der Fall ist. Das hat einen Grund: Heute leben hier weniger Menschen. Das wiederum hat damit zu tun, dass man heutzutage insgesamt pro Kopf einen viel größeren Flächenverbrauch hat als noch vor 50 Jahren. Anders gesagt: Es wohnen heute viele Menschen in viel größeren Wohnungen als damals. Und es ist gemischter. Stadtsoziologisch betrachtet ist ein Gebiet am stabilsten, wenn es sehr differenziert ist und es eine unterschiedliche Bewohnerschaft gibt. Homogene Gruppen schaden einem Bezirk eher. Würden hier nur Reiche leben, wäre dieser Ort langweilig. Deswegen ist es wichtig, dass bezahlbares Wohnen gesichert bleibt. Und auch solche Orte wie das „Café Sibylle“.

Was haben Sie noch mit dem Café vor?

Zachau: Wir haben hier im vergangenen Jahr Praktikumsmöglichkeiten für Geflüchtete geschaffen, im Service oder in der Küche. So was wollen wir weiter vorantreiben. Ursprünglich sollte die „Sibylle“ ein Ausbildungsrestaurant werden. Nächstes Jahr wollen wir beginnen, Fachkräfte fürs Gastgewerbe auszubilden. Alles Schritt für Schritt.

Das Café Sibylle: Refugium vergangener Zeiten und Neuanfang.

Eine Frage noch: Womit haben Sie Ihr erstes Geld verdient?

Zachau: In der Studentenzeit habe ich als studentische Hilfskraft gearbeitet und hatte Ferienjobs in EDV-Abteilungen …

Baumert: … und ich als Rettungsschwimmerin.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

Photos © Felix Seyfert