Fenster mit Schriftzug vom Partner Housing First Berlin
11. März 2020

Endlich weg von der Straße

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Zuerst eine Wohnung – so das Motto von Housing First Berlin, einem Projekt, das Obdachlose von der Straße holt. Wir wollten genauer wissen, wie das funktioniert, und haben Sebastian Böwe, den Wohnraumkoordinator des Modellprojekts, in seinem Friedrichshainer Büro besucht.


Der diesjährige Winter war im Gegensatz zu den Vorjahren eher mild, trotzdem macht sich Sebastian Böwe auch jetzt noch Sorgen, da die Temperaturen nachts immer noch stark fallen. Manche der obdachlosen Menschen, die bei Böwe Hilfe suchen, sind schon zehn Jahre und mehr auf der Straße. Mit dem Projekt Housing First Berlin soll ein Neustart endlich möglich sein. „Das eigene Zuhause macht Obdachlose nicht nur wieder zu Mietern, sondern eröffnet ihnen meist auch eine neue Lebensperspektive“, sagt Böwe.

Empathie durch eigene Erfahrung

Die nötige Empathie für den Job bringt er mit. Nichts Menschliches ist ihm fremd. Böwe weiß, wie es ist, wochenlang in denselben Klamotten in der S-Bahn oder frierend auf der Parkbank zu liegen. Mit achtzehn musste er von zu Hause weg. Im Ost-Berlin der 1980er-Jahre lebte Böwe ein halbes Jahr abwechselnd bei Freunden oder auf der Straße. Obdachlosigkeit gab es in der DDR offiziell nicht. Trotz aller Widrigkeiten begann Böwe eine Lehre als Drucker und konnte sich schrittweise selbst aus der Situation befreien. Über zwanzig Jahre ist er mittlerweile im sozialen Bereich tätig und seit zwei Jahren für Housing First Berlin.

Sebastian Böwe steht mit einer Kaffeetasse vor dem Büro von Housing First Berlin
Sebastian Böwe vor dem Friedrichshainer Büro von Housing First Berlin.

Ursprünglich stammt das Projekt Housing First aus den USA. Es richtet sich an die Obdachlosen, die bislang auf dem Wohnungsmarkt keine oder kaum Chancen hatten. Der Unterschied zu den anderen Hilfsangeboten besteht darin, dass die Betroffenen nicht erst eine Odyssee durch Notunterkünfte, städtische Wohnheime und Therapien auf sich nehmen müssen, bevor ihnen wieder zugetraut wird, in einer eigenen Wohnung zu leben. „Bei Housing First Berlin bekommen Betroffene eine eigene Bleibe und dürfen selbst entscheiden, wie und wann sie weiterführende Hilfe annehmen. Die Leute kommen in ihren vier Wänden zur Ruhe“, ist Böwe überzeugt. Das gängige Stufenmodell, bei dem die Betroffenen Nachweise erbringen müssen, übe dagegen oftmals zu viel Druck aus und könne schnell zu einem „Drehtüreffekt“ führen. Die Betroffenen würden rückfällig und wieder auf der Straße landen.

Makler für eine gute Sache bei Housing First Berlin

Die Wohnungen für das Projekt müssen allerdings erst einmal gefunden werden. Böwe sieht sich bei diesem Projekt eher als Wohnraumkoordinator des siebenköpfigen Teams von Housing First Berlin, als Makler für die gute Sache. Natürlich hat er dabei nicht luxuriöse Dachgeschossapartments oder möblierte Fabriklofts im Sinn. Der 57-Jährige sucht nach bezahlbaren 1- bis 1,5 Zimmer-Wohnungen. In Berlin kein leichtes Unterfangen. Zehntausende strömen jedes Jahr in die Hauptstadt und konkurrieren um den knappen Wohnraum. Dabei bleiben auch immer Existenzen auf der Strecke, die irgendwann in eine Abwärtsspirale geraten.

Die persönlichen Gründe dafür sind vielschichtig: Scheidung, Jobverlust, Überschuldung, Gewalterfahrungen, psychische Krankheiten, Gefängnisaufenthalte oder Alkohol- und Drogensucht. Die Statistiken bekommen bei Housing First Berlin ein Gesicht: Da gibt es den ehemals erfolgreichen Betriebsleiter, der nach dem Auslandsaufenthalt nicht mehr Fuß fasst, oder den Mittevierziger, der nach seiner Scheidung abrutschte. Bisher konnten Böwe und seine KollegInnen fünfundzwanzig obdachlosen Männern zwischen zwanzig und siebzig Jahren eine eigene Bleibe vermitteln, sechs von ihnen sind mittlerweile Gewobag-Mieter. Bis Ende 2021 sollen insgesamt vierzig Menschen dauerhaft über Housing First Berlin untergebracht werden.

Sebastian Böwe sitzt an seinem Arbeitsplatz, sieht auf den Monitor und arbeitet.
Sebastian Böwe sieht sich selbst als Netzwerker und Makler in guter Sache.

Netzwerken für Housing First Berlin

Wenn er nach geeignetem Wohnraum sucht, durchforstet Böwe nicht die einschlägig bekannten Immobilienportale. Böwe ist ein Netzwerker: Im Sakko ist er auf Empfängen und Sommerfesten von Politik und Wirtschaft unterwegs. Er klopft direkt an die Türen der Chefetagen der privaten und kommunalen Wohnungsunternehmen, trifft sich mit ProjektentwicklerInnen und Hausverwaltungen. Dann präsentiert er das Konzept und muss auch Fragen beantworten, wie z. B.: Werden die Menschen ordentlich mit der Wohnung umgehen? Wird die Miete regelmäßig bezahlt? Wie ist die Resonanz in der Nachbarschaft? Böwe kommt dann mit den unspektakulären Fakten, die Miete wird von den Sozialämtern übernommen, Horrorgeschichten bleiben aus. „Natürlich präsentieren wir nicht den Triple-A-Mieter, doch unsere Partner wie die Gewobag sind von dem Ansatz überzeugt und sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst“, so Böwe.

Eine Tasse mit dem Slogan "Neue Chance" symbolisiert den Ansatz von Housing First Berlin
Das Ziel: Bis Ende 2021 soll über die beiden Projekte Housing First Berlin und Housing First für Frauen achtzig bisher obdachlosen Menschen ein neues Zuhause vermittelt werden.

Der Wille muss da sein

Komplett bedingungslos ist das Angebot für die Obdachlosen jedoch nicht. „Das Projekt kommt nur für Menschen infrage, die einen gesetzlichen Anspruch auf Sozialleistungen haben und mindestens ein Jahr auf der Straße gelebt haben“, erläutert Böwe. Wer etwa so schwer drogenabhängig oder psychisch so krank ist, dass ein Gespräch nicht möglich ist, hat keine Chance auf eine Wohnung und sollte andere Hilfsangebote, wie therapeutisch betreute Wohngemeinschaften, aufsuchen. Wenn die Betroffenen nicht über bestehende Angebote der sozialen Wohnungslosenhilfe vermittelbar sind und – ganz wichtig – selber zu Veränderungen bereit sind, werden sie zum Gespräch eingeladen. „Der Wille muss da sein“, betont Böwe. „Mit allen der KandidatInnen werden mindestens drei Vorgespräche geführt.“

Der Bedarf ist jedenfalls riesig: In Berlin sind schätzungsweise bis zu 10.000 Menschen ohne eigene Wohnung. Viele schlafen auf der Straße, bei Freunden und Bekannten oder leben während der Wintermonate in städtischen Unterkünften. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich höher. Den Grund dafür sehen ExpertInnen vor allem im rapiden Mietenanstieg in den Großstädten und dem Mangel an Sozialwohnungen. Wegen der sonstigen Reisefreiheit in Europa leben auch immer mehr Obdachlose aus Osteuropa in der Hauptstadt.

Betreuung als nächster Schritt

Die obdachlosen Menschen können selbst entscheiden, ob ihnen eine Wohnung gefällt oder nicht. Schließlich muss es passen. Vier bis acht Wochen dauert es in der Regel, bis ein Vertrag unterschriftsreif ist. Doch wie geht es nach dem Einzug weiter? „Mit dem Einzug in die eigene Wohnung geht ja die eigentliche Arbeit erst richtig los. Man darf die Menschen in ihren neuen Wohnungen nicht allein lassen. Wir müssen langfristig Vertrauen aufbauen und ihnen auch weiterhin Angebote machen“, erzählt Böwe. Sozialarbeiter oder Sozialhelfer kommen regelmäßig vorbei, schauen nach dem Rechten, helfen beim Montieren der Ikea-Möbel, beim tropfenden Wasserhahn, bei Behördengängen oder begleiten in den Supermarkt. Bei manchen müssen auch Traumata und Abhängigkeiten aufgearbeitet und therapiert werden.

„Wir wollen das Projekt in ein dauerhaftes Angebot der Stadt für Obdachlose überführen. Das muss am Ende aber die Politik entscheiden. Wir werden ihnen dafür genügend Argumente liefern“, ist sich Böwe sicher. Die wirklichen Erfolgsgeschichten sind für ihn aber solche, wenn die Menschen wieder eine Arbeit aufnehmen, eine Lehre nachholen, wieder Kontakt zu Verwandten und den eigenen Kindern suchen – denn dann endet auch für das Umfeld eine oft jahrelange Leidenszeit.

Photos © Johannes Schneeweiß


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