Der Energie-Experte Dominik Unger lehnt locker am Geländer einer Brücke und schaut in die Kamera. Er hat einen Kurzhaarschnitt, Bart und Brille. Unger trägt ein grau meliertes Sakko mit buntem Einstecktuch, darunter ein taubenblaues Hemd und eine dunkelblaue Jeanshose. Seine rechte Hand steckt in der Hosentasche. Im Hintergrund die Spree, eine Brücke und grüne Bäume am Uferrand.
20. Juni 2022

Energiepreisentwicklung: „In der Krise könnte eine Chance liegen“

Strom, Gas, Heizöl – die Energiepreise sind regelrecht explodiert. Das bekommt leider jede und jeder zu spüren. Wie lässt sich die Energiepreisentwicklung erklären? Was tut die Gewobag, um die Energiekosten der MieterInnen stabil zu halten? Und was können MieterInnen selbst tun? Dominik Unger, Prokurist und Leiter Technischer Service der Gewobag ED, hat Antworten.


Der Energie-Experte Dominik Unger in einer Gesprächssituation über die Energiepreisentwicklung, sitzend vor einer dunkelblauen Wand, im Hintergrund ist eine Palme zu erkennen. Er hat einen Kurzhaarschnitt, Bart und Brille. Unger trägt ein grau meliertes Sakko mit buntem Einstecktuch, darunter ein taubenblaues Hemd.
Dominik Unger, Dipl.-Ing. für Umwelt- und Energieprozesstechnik, engagiert sich seit 2014 als Abteilungsleiter Technischer Service bei der Gewobag ED für den Wandel der Energieversorgung des Gewobag-Bestands.

Herr Unger, die Energiepreise gehen durch die Decke. Wie kommt es zu diesen Preisanstiegen?

Dominik Unger: Seit 2020 steigen die Preise für fossile Energie wie Heizöl, Gas und Strom stetig. Seit Ende des vergangenen Jahres sind sie geradezu explodiert. Dafür gibt es mehrere Gründe. Im Rahmen der Energiewende verteuert zum Beispiel die 2021 eingeführte CO2-Steuer die Energiekosten. Die politische Idee dahinter: Wenn klimaschädliches Verhalten, wie Autofahren oder starkes Heizen, durch die CO2-Steuer teurer wird, schafft das Anreize, Gewohnheiten zu ändern und weniger CO2 auszustoßen.

„Die Zeit, in der Öl und Gas zuverlässig, sicher und günstig aus Russland bezogen werden konnte, scheint vorbei zu sein.“

Ein weiterer Faktor ist die Pandemie. Die weltweiten Lockdowns haben zunächst dazu geführt, dass die Energienachfrage gesunken ist. Mit der wirtschaftlichen Erholung ist die globale Energienachfrage massiv gestiegen. Die fossilen Rohstoffe sind knapper geworden. Die Folge: Die Preise sind gestiegen.
Der Ukraine-Krieg führt nun zu einer zusätzlichen Unsicherheit bezüglich der Versorgung mit Rohstoffen, vor allem Gas. Die Zeit, in der Öl und Gas zuverlässig, sicher und günstig aus Russland bezogen werden konnte, scheint vorbei zu sein.

Welche Herausforderungen ergeben sich dadurch für die Gewobag?

Dominik Unger: Natürlich ist die aktuelle Energiepreisentwicklung auch für die Gewobag relevant. Energie wird teurer, das bekommen auch unsere MieterInnen zu spüren. Eine Herausforderung besteht darin, den MieterInnen zu erklären, was zu diesen Preisanstiegen geführt hat – und dass hohe Nachzahlungen, etwa für Heizkosten, deshalb leider sehr wahrscheinlich sind. Daher raten wir unseren MieterInnen, die monatlichen Betriebskostenvorauszahlungen frühzeitiger zu erhöhen als im Rahmen der jährlichen Betriebskostenabrechnung. Das reduziert im kommenden Jahr eine mögliche Nachzahlung.

„Die neue Situation zwingt uns nun abzuwarten, bevor wir weiter modernisieren.“

War die Gewobag auf ein derartiges Szenario vorbereitet?

Dominik Unger: Wie hätte man sich darauf vorbereiten können? Seit Jahren sind wir bestrebt, alte Ölheizungsanlagen zu demontieren, durch Gasanlagen zu ersetzen und mit Kraft-Wärme-Kopplung zu ergänzen. Hierbei kommen Blockheizkraftwerke zum Einsatz, die effizient Wärme und Strom erzeugen. Gas war als Brückentechnologie eine gute Lösung und galt als sichere, saubere und günstige Alternative zu Öl. Die neue Situation zwingt uns nun abzuwarten, bevor wir weiter modernisieren. Wir möchten keine voreiligen Entscheidungen treffen. Immerhin sind wir im Hinblick auf die Planung von Photovoltaik zur Stromerzeugung auf den Dächern unserer Häuser mittlerweile gut aufgestellt.

Wie bewerten Sie als Energiedienstleister der Gewobag die Situation?

Dominik Unger: Was uns vor allem umtreibt ist die notwendige Dekarbonisierung, also die Reduzierung von Kohlendioxidemissionen bei der Wärmeerzeugung. Technisch gibt es bereits energieeffiziente und nachhaltige Konzepte. Man muss jedoch unterscheiden zwischen Neubau und Bestand. Im Neubau lassen sie sich besser umsetzen, wie das Beispiel WATERKANT zeigt. Auch bei unseren Modernisierungsprojekten wie im Wohnpark Mariendorf oder den Buckower Höfen setzen wir auf Nachhaltigkeit.
Die Bestände sind jedoch in der Vielzahl nicht für Technologien wie Wärmepumpen ausgelegt. Hier gilt es, Altbaubestand, wie die Gründerzeitbauten, und die neue Technik zusammenzubringen. Ein Problem ist dabei sicher auch der Fachkräftemangel. Es fehlt an Personal, das sich auf das Thema Nachhaltigkeit und erneuerbare Energie spezialisiert hat. Und das gilt sowohl für die Planung als auch für den Bau und den Betrieb solcher Anlagen. Das merken wir etwa auch bei unseren Partnerunternehmen.

Was tut die Gewobag, um die Energiekosten der MieterInnen stabil zu halten?

Dominik Unger: Wichtig für stabile Energiekosten ist die Energieeffizienz der Gebäude. Was kommt von der Wärme, die ich ins Gebäude schicke, bei den MieterInnen an? Und wie effizient wird diese Wärme hergestellt? Um das im gesamten Bestand im Blick zu behalten, spielt die Digitalisierung eine entscheidende Rolle. Wenn etwas nicht gut läuft, sollte man es idealerweise live mitbekommen und das ohne großen, händischen Aufwand. Dafür müssen die Heizungen mit Hardware und Software ausgestattet werden. Wir, als Gewobag ED, bringen die Digitalisierung im Heizungskeller voran. Ein weiterer Baustein ist die Modernisierung von Gebäuden und Anlagentechnik. Am Ende geht es immer darum, den Energieverbrauch zu senken. Daran arbeiten wir permanent.

Was können MieterInnen selbst tun, um Energie und CO2 zu sparen?

Dominik Unger: Beim Heizen können MieterInnen sparen, indem sie richtig lüften: etwa durch Stoßlüften, anstatt das Fenster lange offen zu halten. Aber auch mit Hilfe der Raumtemperatur lässt sich einiges sparen: Senken Sie die Temperatur im Wohnzimmer um ein Grad, also von 21 auf 20 Grad – das spart bereits rund sechs Prozent Energie! Aber es hat auch ein Umdenken stattgefunden bei den Menschen, das Bewusstsein ist gestiegen. Denken wir etwa an die Leuchtmittel. Noch vor wenigen Jahren haben die Leute herkömmliche Glühbirnen gehortet, als es hieß, sie würden abgeschafft. Niemand bezweifelt mehr, dass LEDs deutlich weniger Energie verbrauchen und trotzdem ein schönes Licht verbreiten. Inzwischen hat sich auch auf diesem Markt viel getan.

„In der Krise könnte eine Chance liegen. Sie gibt vielleicht den Anschub, schneller aus der Abhängigkeit von fossilen Energien herauszukommen.“

Wie schätzen Sie die Energiepreisentwicklung ein? Wird es sich immer weiter zuspitzen oder werden die Preise fallen?

Dominik Unger: Sagen wir es so: Wäre die jetzige Lage, der Ukraine-Krieg, erst in drei Jahren eingetreten, wäre unsere Situation eine andere. Wir wären schon einige Schritte weiter gewesen im Hinblick auf die Unabhängigkeit von den herkömmlichen Energieträgern wie Gas. Erst einmal werden die Energiepreise sicher noch weiter ansteigen, nicht zuletzt durch die CO2-Steuer.
Der Krieg wird an der Stelle sicher noch einiges an Veränderungen mit sich bringen. Wenn wir mit den erneuerbaren Energien vorangekommen sind, wird sich der Markt entspannen, da bin ich guter Dinge. In der Krise könnte eine Chance liegen. Sie gibt vielleicht den Anschub, schneller aus der Abhängigkeit von fossilen Energien herauszukommen. Ähnlich wie Corona die Digitalisierung in der Gesellschaft vorangebracht hat.  

Wie erreichen wir mehr Nachhaltigkeit, welche Entwicklungen braucht die Zukunft?

Dominik Unger: Eine noch größere Akzeptanz für das Thema Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Ich hoffe auch auf einen Abbau von Bürokratie, die der Umsetzung neuer Ideen im Weg steht. Auch hier kann die Digitalisierung helfen. Energieeffizienz ist attraktiv und zukunftsfähig, das muss von allen wahrgenommen werden. Zum Thema Nachhaltigkeit kann jeder etwas beitragen – sein Handeln reflektieren: Brauche ich wirklich immer neue Dinge? Wie kann ich es vermeiden, im Internet bestellte Sachen zurückzuschicken? Was machen meine Gewohnheiten mit unserer Welt? Ich sage immer: Man muss kein Biobauer sein, um nachhaltig zu handeln.

Letzte Frage: Halten Sie das Angebot eines 9-Euro-Tickets für den öffentlichen Nahverkehr für eine gute Idee?

Dominik Unger: (Lacht). Meine Frau und ich teilen uns bereits eine Umweltkarte. Jetzt haben wir das 9-Euro-Ticket zusätzlich gekauft. Ich finde die Idee gut. Auch, dass es so schnell und unbürokratisch auf den Weg gebracht wurde. Das Schlimmste, das passieren kann, ist, dass wir drei Monate lang volle Züge haben. Wenn es trotzdem hilft, das Fahrverhalten einiger Menschen zu ändern, ist doch viel gewonnen!

Fotos © Aurelio Schrey