Etwas Licht in der Corona-Zeit

Arbeiten bei der Gewobag: Wenn Nicole Sandt gefragt wird, wo sie arbeitet, antwortet sie: „In der größten SeniorInnen-WG Berlins.“ Mehr als 150 BewohnerInnen zwischen etwa 60 und 100 Jahren haben in dem Wohn!Aktiv-Haus in der Zobeltitzstraße in Berlin Reinickendorf ihr Zuhause. Doch wie lässt sich dort Gemeinschaft leben, wenn soziales Miteinander durch Corona nur sehr eingeschränkt stattfinden kann?


Das Wohn!Aktiv-Haus ist ein Ort mit einer bunt gemischten BewohnerInnenstruktur. Es gibt die unterschiedlichsten Interessen und Bedürfnisse. Auch verschiedene Sprachen werden hier gesprochen. Einige BewohnerInnen sind noch berufstätig, die meisten jedoch im Ruhestand. „Das Besondere bei uns ist, dass man hier nicht nur gut wohnt, sondern auch in den goldenen bis diamantenen Jahren die besten Voraussetzungen hat, um aktiv zu bleiben“, sagt Nicole Sandt, seit drei Jahren Gemeinschaftskoordinatorin der Gewobag und erste Ansprechpartnerin im Wohn!Aktiv-Haus. Die meisten BewohnerInnen leben in Ein-Raum-Apartments und konnten vor der Covid-19-Pandemie vom Aktivitätenkonzept und den Gemeinschaftsräumen profitieren.

Frau Sandt, „Wo Nachbarn zu Freunden werden“ steht auf dem Eingangsschild des Wohn!Aktiv-Hauses. Ein Wunsch, der aktuell alle Beteiligten vor neue Herausforderungen stellen dürfte. Wie bleiben die SeniorInnen auch in Zeiten von Pandemie und Lockdown aktiv?

Nicole Sandt: Natürlich hat die Anzahl unserer Aktivitäten drastisch abgenommen. Vor Corona gab es über zehn regelmäßige gemeinsame Aktivitäten in den Gemeinschaftsräumen auf den verschiedenen Etagen im Haus und viele einzelne Veranstaltungen. Doch wir als Gewobag haben jetzt eine besondere Verantwortung, schon aufgrund der Risikogruppe.

Die Gewobag hat deshalb seit dem ersten Lockdown zumindest im Haus keine Veranstaltungen mehr angeboten. Im Zuge der zwischenzeitlichen Lockerungen trafen sich aber noch kleinere Gruppen in Eigenverantwortung und nach Maßgabe der Verordnungen, wie die Filmabendgruppe, die Rommé- und Skatrunde sowie die Schachspielgruppe. Doch seit dem Lockdown im November ist für alle im Haus klar, dass wir auf Gruppenveranstaltungen ganz verzichten müssen.

Nicole Sandt, Gemeinschaftskoordinatorin bei Wohn!Aktiv.
Nicole Sandt, Gemeinschaftskoordinatorin im Wohn!Aktiv-Haus

Wie halten Sie dennoch das gemeinschaftliche Leben der BewohnerInnen aufrecht?

Nicole Sandt: Zunächst habe ich mit unseren KiezkoordinatorInnen einen Aushang mit nachbarschaftlichen Hilfsangeboten und Hotlines erstellt. Schon im April, mit dem ersten Lockdown, begann ich, Videochats anzubieten. Dabei habe ich fast jedem, der mitmachen wollte, persönlich erklärt, was man für einen Videochat braucht und wie das entsprechende Programm zu installieren und zu bedienen ist. Es hat nicht alles gleich funktioniert. Mal gab es keinen Ton, mal kein Bild. Aber alle, die einmal mit dem digitalen Zauber angefangen hatten, haben weitergemacht. Einer meinte im Vorübergehen: „Ihr lauft ja wie kleine Kinder durch das Haus, die zum ersten Mal in ihrem Leben von verschiedenen Enden aus telefonieren!“

„Wir philosophieren wie die alten Griechen, nur etwas moderner, nämlich digital!“

Die BewohnerInnen treffen sich nun also regelmäßig im Videochat?

Nicole Sandt: Ja! Wir haben eine regelmäßige Videochatrunde, in der wir uns nach dem Vorbild des großen griechischen Philosophen Sokrates auch über existenzielle Fragen unterhalten, zum Beispiel: „Wie entsteht Einsamkeit?“ Wir philosophieren wie die alten Griechen, nur etwas moderner, nämlich digital. Dazu nehmen wir wie Sokrates Themen, die aus dem Erfahrungsschatz jedes Einzelnen stammen und bei denen jeder mitreden kann, ohne vorher Philosophie oder eine andere Wissenschaft studiert zu haben.

Visualisierung einer Bewohnerin von Wohn!Aktiv.
Wohnen im Alter: Austausch und Zusammenhalt werden im Wohn!Aktiv-Haus in der Zobeltitzstraße auch online gelebt.

Wie sind Sie erreichbar?

Nicole Sandt: Per Telefon, Videochat und auch vor Ort. Vor Ort natürlich jetzt in eingeschränktem Maße. Statt drei Stunden pro Tag vor Ort können mich die BewohnerInnen jetzt sogar sechs Stunden pro Tag (von Montag bis Freitag) telefonisch erreichen. Dank einer Plexiglasscheibe und einem entsprechendem Hygieneplan führe ich seit Mitte Juni auch wieder regelmäßig eine Sprechstunde vor Ort durch, und zwar einmal pro Woche. Nach Absprache können die BewohnerInnen auch Einzelgespräche mit mir in ihrer Wohnung oder einem Gemeinschaftsraum führen. Natürlich mit Abstand, ausreichend Lüftung und Maske. Was die gemeinsamen Aktivitäten angeht, konnte ich unter strenger Einhaltung der Hygieneregeln ein paar gemeinsame Spaziergänge, ein Gartentreffen und kleine Gesprächsrunden im Freien organisieren.

Nicole Sandt spricht mit einem Bewohner von Wohn!Aktiv.
Erste Ansprechpartnerin bei Sorgen und Problemen der BewohnerInnen: Nicole Sandt bietet Sprechstunden mit entsprechendem Hygienekonzept im Wohn!Aktiv-Haus an.

Wie pflegen die BewohnerInnen die Freundschaften untereinander?

Nicole Sandt: Ich erlebe oft, dass der eine dem anderen etwas vom Einkaufen mitbringt. Ab und zu begleiten sich die SeniorInnen auch zu Arztbesuchen und anderen Besorgungen. Unterstützung gibt es aber auch beim Gassigehen. Einige haben ja Vierbeiner …

Durch die Corona-Beschränkungen haben die BewohnerInnen natürlich weniger Gelegenheiten, neue Freundschaften einzugehen. Aber es gibt ja noch unsere Außenbänke! Die werden zu Corona-Zeiten nicht nur für den alltäglichen Austausch genutzt, sondern auch, um neue BewohnerInnen kennenzulernen. Glücklicherweise haben alle ein Telefon, manche kommunizieren per WhatsApp und E-Mail.

„Allein zu wissen, dass man in einem so großen Haus nicht allein ist und sich jederzeit Unterstützung holen kann, hilft, durch Krisen zu kommen.“

Gibt es dennoch Angst vor Einsamkeit?

Nicole Sandt: Ja, das ist immer wieder ein großes Thema, besonders nach einem Trauerfall. Die BewohnerInnen können natürlich zuallererst mich anrufen. Ich bin nicht nur mit Leib und Seele Gemeinschaftskoordinatorin, sondern auch ausgebildete Seelsorgerin. Ansonsten gibt es viele Hotlines, die sich diesem Thema widmen. Und selbstverständlich ist das Wohn!Aktiv-Haus mit seinen vielen hilfsbereiten BewohnerInnen schon ein tolles Angebot! Allein zu wissen, dass man in einem so großen Haus nicht allein ist und sich jederzeit Unterstützung holen kann, hilft, durch Krisen zu kommen. Unser Wohn!Aktiv-Haus ist ein Haus mit viel Lebenserfahrung, „offenen Ohren“ und „hilfsbereiten Händen“. Nach Bedarf vernetze ich die BewohnerInnen, von denen ich weiß, dass sie gleiche Interessen haben oder Hilfspatenschaften eingehen würden. Auch arbeite ich mit dem Verein „Freunde alter Menschen e.V.“ zusammen. Dort gibt es Ehrenamtliche, die unsere SeniorInnen besuchen, damit sie ihre Sorgen und Ängste teilen können.

Die dunkle Jahreszeit wirkt sich nicht gerade positiv auf die Stimmung aus …

Nicole Sandt: Oh, das ist wahr. Deshalb liegt mir eine Aktion auch besonders am Herzen: Ich habe ein „stilles Gespräch“ an der weißen Tafel bei uns im Eingangsbereich angeregt. Alle konnten mitmachen und ihre Gedanken zu unserem Laternenbaum vor dem Haus aufschreiben. Vor Corona haben wir gemeinsam bei einer Aktion mit einem Künstler viele kleine und größere Laternen mit Farbe und Pinsel gestaltet, die jetzt vor dem Wohn!Aktiv-Haus leuchten. Einer hat geschrieben: „Die Laternen sind wie kleine Hoffnungsschimmer in einem Baum.“ Ja, die Laternen bringen vor allem in den Abendstunden etwas Licht in die Corona-Zeit!

Welche Hoffnung verbindet sich für Sie mit der Corona-Zeit?

Nicole Sandt: Ich habe festgestellt, dass die Beschränkungsmaßnahmen einiges in unserem täglichen Umgang verändert haben. Es ist ein Unterschied, mit Abstand und Maske miteinander zu sprechen. Aber wenigstens sind die Ohren frei! Ich verstehe die Corona-Zeit auch als Chance, sich im Zuhören zu üben. Zuhören ist schließlich ein wichtiger Bestandteil, wenn man in Gemeinschaft lebt. Und die Corona-Zeit ist auch eine Zeit, um darüber nachzudenken, was uns wirklich wichtig ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Illustrationen © Raufeld Medien/Anja Stiehler

Foto Infobox © Aurelio Schrey