Popy French
1. März 2021

Fresh A.I.R.-Artist Poppy French über Kunst in Zeiten des Lockdowns

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Wie ist es, die Zusage für ein begehrtes Fresh A.I.R.-Stipendium in Berlin zu bekommen, zu einem Zeitpunkt, wo das gesamte kulturelle und gesellschaftliche Leben heruntergefahren wurde? Wie verändert sich die Arbeit, eventuell der künstlerische Blick, und welche Chancen können sich dennoch bieten? Wir haben die Londoner Künstlerin Poppy French gefragt.


Poppy French freut sich über die willkommene Abwechslung eines „Walk & Talk“ in Zeiten des Lockdowns. Die Bülowstraße ist – ganz ungewohnt – fast menschenleer, Geschäfte und Cafés des beliebten Kiezes sind geschlossen, nur die U-Bahn fährt verlässlich über die Hochbahn und vermittelt ein Gefühl von Normalität, erinnert an das Leben vor den Einschränkungen.

Eine verrückte Zeit, um in eine neue Stadt zu ziehen. Die 25-jährige Künstlerin Poppy French aus London ist als Stipendiatin des 4. Jahrgangs von Fresh A.I.R. – dem Künstlerresidenzprogramm der Gewobag Stiftung Berliner Leben – im letzten Oktober nach Berlin gezogen. Das Fresh A.I.R.-Programm bietet jährlich bis zu 26 Stipendien für KünstlerInnen, die in der Urban und New Contemporary Art tätig sind. Die Residenzen befinden sich direkt über dem Urban Nation Museum for Urban Contemporary Art in der Schöneberger Bülowstraße. Aura und Impulse sind gegeben, z. B. mit der aktuell stattfindenden Martha-Cooper-Retrospektive – auch wenn diese gerade nur virtuell zu besichtigen ist.  

Fresh A.I.R.-Stipendium intensiv genutzt

Poppy French ist das erste Mal in Berlin. In England hat die gebürtige Londonerin Illustration studiert und für ihre künstlerischen Arbeiten Film, Scans und Sounds als weitere Werkzeuge entdeckt. Für sie war es ein großes Glück, die Zusage für das Stipendium zu bekommen, da sie sich in London etwas verloren gefühlt hatte. Intensiv hatte sie sich mit der Bewerbung für das Fresh A.I.R-Programm beschäftigt, ihr Projekt in anatomische Metaphern gegliedert, Tag-Nacht-Tempi, die jahreszeitlichen Verschiebungen der Lichtverhältnisse, wechselnde Schattierungen einer Stadtlandschaft skizziert. Umso größer war ihre Freude, dass es mit dem Fresh A.I.R-Stipendium geklappt hat.

Als sie dann vor fünf Monaten in Berlin ankam, hatte sie gerade Monate des Londoner Lockdowns hinter sich. Sie erinnert sich, dass sie sehr aufgeregt war nach ihrer Ankunft über das kurze Glück, ein, zwei Wochenenden mit den Berliner Freiheiten genießen zu können, bevor auch diese Stadt ihre DNA auf Eis legen musste. So hat es eine Weile gedauert, bis Poppy French die anderen internationalen KünstlerInnen des Programms kennenlernen konnte, mussten sie doch alle nach der Ankunft erst einmal in Quarantäne. Für Poppy French war die Isolation eine völlig neue Situation: „Ich habe ja vorher noch nie alleine gewohnt. Das war wirklich eine krasse Erfahrung. Und dieses Gebäude hier ist wirklich eines mit stabilem Gemäuer. Man hört nichts von den Nachbarn, den anderen Artists. Ja, das war wirklich sehr gespenstisch“, erzählt sie.

Die Londoner Künstlerin Poppy French

Auf die Frage, ob sie ihr Projekt mit den derzeitigen Einschränkungen überhaupt realisieren kann, sind ihr ihre Ambitionen anzumerken. Sie erzählt, dass sie dennoch mit der U-Bahn durch ganz Berlin gefahren ist und an den Stationen viel Zeit mit Beobachten verbracht hat, um den Rhythmus der Menschen zu analysieren, Zeiten des Wartens und der Bewegung.

„Anfangs habe ich mich einen Monat mit dem Gleisdreieck-Park beschäftigt, das erschien mir den Umständen entsprechend sicherer, doch es hat nicht wirklich zum Briefing meines Projektes gepasst“, meint sie und fährt fort: „Letztendlich habe ich mich doch für das Beobachten in den U-Bahnlinien entschieden. Natürlich hat es sich verändert, wie sich die Leute im Lockdown bewegen. Sie sind viel vorsichtiger geworden, wo sie sich hinsetzen oder wer wie nah neben ihnen läuft. Die Fortbewegungen sind kontrollierter, die Leute wägen ab, wie sie sich bewegen.“

London vs. Berlin

Doch die Stille hat auch ihr Gutes, erzählt sie, man könne sie nutzen, um auf einer Bank zu sitzen und die Straße zu beobachten. Sie beschreibt auch, dass es für sie die wirklich richtigen Phasen des Alleinseins in Berlin gab: „Aber Spazierengehen geht immer“, klingt Poppy French optimistisch.

Poppy French in ihrem Studio der Fresh A.I.R.-Residenz

Zusammenhalt gab es auch über Weihnachten, als einige der KünstlerInnen nicht nach Hause fahren konnten. Sie haben unter Einhaltung von Sicherheitsabständen im großen Gemeinschaftsraum der Residenz gemeinsam gekocht, jeder etwas Traditionelles aus seinem Land, das habe allen geholfen, erzählt Poppy French.

Nach den Unterschieden zwischen den beiden Citys London und Berlin befragt, überlegt sie nicht lange: „In Berlin gibt es mehr Respekt für den Raum, für die Orte und ihre Geschichte. In London wird viel zugebaut. London ist ein Ort des Geldmachens. In Berlin werden die Bedürfnisse der Menschen nach Raum und Geschichte mehr berücksichtigt. Allein der Fakt, dass es möglich ist, eine Fläche wie den Gleisdreieck-Park auch als Park zu behalten, das mag ich wirklich an Berlin.“

Poppy French hat Berlin im Rhythmus der Pandemie kennengelernt und ist gespannt auf die Stadt im wiederkehrenden Normalzustand. Sie hat sich vorgenommen, ihren Aufenthalt zu verlängern, auf jeden Fall bis zum Sommer, denn da soll es in Berlin am schönsten sein. So hätten es ihr die Leute erzählt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Foto Infobox: Community Space der Fresh A.I.R.-Residenz

Fotos © Victoria Tomaschko


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