Gemeinsame Herausforderungen – steile Lernkurven

Read this article in English

Snezana Michaelis, Vorstandsmitglied der Gewobag, im Gespräch zur aktuellen Situation der Gewobag in Zeiten der Corona-Krise und wie sie persönlich mit dieser Herausforderung umgeht. Von der Verantwortung der Gewobag für die Stadt Berlin, der Bedeutung, die Bewirtschaftung vor Ort sicherzustellen und den Chancen, die auch eine Krise wie diese mit sich bringt.


Wir führen das Interview mit Snezana Michaelis per Videokonferenz. Frau Michaelis arbeitet inzwischen überwiegend mobil. Ihr Sohn, der sonst in den Kindergarten geht, muss zu Hause betreut werden. Arbeiten von zu Hause und Kinderbetreuung, eine Situation, die aktuell von vielen Familien bewältigt werden muss. Snezana Michaelis beschreibt die gegenwärtige Situation als eine Art Schichtbetrieb, den sie mit ihrem Mann praktiziert. Strukturen schaffen, den Tag nutzen, flexibel bleiben, lautet die Devise. Bevor wir mit dem Interview beginnen, kommt ihr Sohn vor den Bildschirm gelaufen und zeigt stolz auf seine Zahnlücke. Die Zahnfee war schon mehr als einmal da.

Frau Michaelis, wie mobil arbeitet der Vorstand der Gewobag? Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag in der Corona-Krise verändert?

Für mich hat sich viel verändert. Die Rolle, das Unternehmen persönlich nach außen zu vertreten, fällt aktuell überwiegend weg. Stattdessen beschäftige ich mich viel damit, die Arbeitsfähigkeit des Unternehmens abzusichern, indem die dafür notwendigen Entscheidungen diskutiert und getroffen werden. Ich arbeite gerade sehr mobil. Fairerweise muss man sagen, dass ich schon immer auch mobil gearbeitet habe, weil mein Job nicht auf Regelarbeitszeiten beschränkt ist. Natürlich unterstützen wir als Unternehmen in der jetzigen Situation die Umsetzung der behördlichen Anweisungen, wie z. B. Reduzierung der Kontakte, haben unsere MitarbeiterInnen seit Mitte März flächendeckend ins mobile Arbeiten geschickt und die Präsenzzeiten auf Kernprozesse konzentriert, die tatsächlich persönliche Anwesenheit erfordern. Das gilt auch für den Vorstand. Das bedeutet, dass ich meine Präsenzzeit im Büro von fünf auf zwei Tage reduziert habe. Einer dieser Tage ist ein gemeinsamer mit meinem Vorstandskollegen Markus Terboven.

„Es gibt einen großen Unterschied zwischen denjenigen, die gerne würden, aber das entsprechende Equipment oder IT-Backup nicht haben, und denjenigen, die es tatsächlich umsetzen können.“

Wie hat sich die Gewobag auf die neue Situation eingestellt?

Ehrlich gesagt, ich bin wahnsinnig stolz auf die Gewobag. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass wir schlicht und ergreifend Dinge ermöglichen konnten. Es gibt einen großen Unterschied zwischen denjenigen, die gerne würden, aber das entsprechende Equipment oder IT-Backup nicht haben, und denjenigen, die es tatsächlich umsetzen können. Die Themen Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkung sind seit mehr als einer Woche in Berlin implementiert und wir haben die KollegInnen schon vor über zwei Wochen ins mobile Arbeiten geschickt. Damit waren wir der Zeit voraus.

Und es gibt einen zweiten Effekt: Die Lernkurve ist sehr steil. Natürlich haben wir eine Vielzahl von MitarbeiterInnen, die ihre Tätigkeit bisher immer an ihrem Arbeitsplatz ausgeübt haben, selbst wenn es die Möglichkeit des mobilen Arbeitens oder verschiedene Tools, wie Skype, XPhone oder Teams, gab. Ein paar KollegInnen haben mir erzählt, dass sie sich zu Beginn schwergetan hätten. Sie haben einige Zeit gebraucht, sich auf die Tatsache einzustellen, dass man jetzt anders arbeiten muss. Wenn wir als Menschen in eine Zwangslage kommen und uns mit bestimmten Dingen auseinandersetzen müssen, stellen wir oft fest: Hoppla, war gar nicht so schlimm.

Snezana Michaelis 2019 auf dem Mitarbeiterfest der Gewobag
Snezana Michaelis 2019 auf dem Mitarbeiterfest im Jubiläumsjahr 100 Jahre Gewobag. (Photo © Maren Schulz)

Dann hat die Gewobag in Bezug auf mobiles Arbeiten einen digitalen Schritt nach vorn gemacht?

Definitiv. Wir haben schon in den letzten Jahren das Thema Digitalisierung sehr intensiv verfolgt. Ein Beispiel dafür ist unser Service-Center, unser erstes großes Digitalisierungsprojekt. Wir waren also schon auf dem digitalen Weg. Ich glaube, dass die Situation, in der wir jetzt sind, uns in Fragen der Digitalisierung in der Zeitrechnung einfach mal zwei Jahre nach vorne katapultiert hat. Viel davon wird auch nach der Krise übrigbleiben. Und dieses „übrigbleiben“ ist nicht negativ zu verstehen. Es werden dann Fragen aufkommen, wie Prozesse und Dinge auf den Prüfstand zu stellen. Und jetzt mal ganz platt gesprochen: Wenn ich drei Monate oder länger auf etwas verzichten konnte, war das dann in der Vergangenheit tatsächlich notwendig? War es in der ursprünglich so praktizierten Form notwendig? Oder gibt es auch eine angepasste, schlankere, effizientere Form?

„Ich glaube, dass die Situation, in der wir jetzt sind, uns in Fragen der Digitalisierung in der Zeitrechnung einfach mal zwei Jahre nach vorne katapultiert hat.“

Fast alle Gewobag-MitarbeiterInnen sind im mobilen Arbeiten. Wie kann eine der größten Berliner Wohnungsbaugesellschaften weiterarbeiten?

Viele Dinge in unserem Unternehmen sind schon elektronisch aufgesetzt. Ich sag es mal anhand eines Beispiels. Für ein Unternehmen ist es wichtig, Rechnungen zu bezahlen, seinen Verpflichtungen nachkommen zu können, um weiter stabil unterwegs zu sein. Und auf der anderen Seite ist es wichtig, Geld – die Mieten – einzunehmen. All das passiert elektronisch. Insofern arbeiten die MitarbeiterInnen der Kreditorenbuchhaltung beispielsweise normal weiter. Sie können auf SAP zugreifen und sind in ihrer Arbeit nicht eingeschränkt. Das, was uns aktuell am meisten herausfordert, ist die Frage, wie es uns gelingt, die Bewirtschaftung vor Ort sicherzustellen. Das funktioniert bisher nach den Rückmeldungen von fletwerk als unserem zentralen Dienstleister nach wie vor gut. Aber natürlich machen wir z. B. Wohnungsbesichtigungen nicht mehr in Gruppen, sondern in Einzelterminen. Die Geschwindigkeit verändert sich etwas. Wir ergreifen diese Maßnahmen, um unsere MitarbeiterInnen zu schützen, aber natürlich auch die KundInnen. Was wir beim Beschwerdeaufkommen feststellen: Die Leute überlegen, ob sie jetzt eine Bagatelle melden oder ob sie sich auf Themen wie Ver- und Entsorgung beschränken. Also Dinge wie Wasser, Strom, Heizung, die natürlich nach wie vor gewährleistet sind. Ob jetzt eine Fuge gerissen oder ein Riss in der Decke ist, das interessiert die KundInnen aktuell weniger.

„Priorität hat die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebes. Wir schauen sehr genau, wie sich die Situation weiterentwickelt, auch bei unseren laufenden Baumaßnahmen.“

Werden durch die jetzige Situation aktuelle Unternehmensziele modifiziert bzw. priorisiert?

Priorität hat die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebes. Wir schauen sehr genau, wie sich die Situation, auch bei unseren laufenden Baumaßnahmen, weiterentwickelt. Wir haben bisher, da klopfe ich jetzt mal auf Holz, keine Rückmeldungen von unseren Neubau-Baustellen, dass es zu Engpässen kommt. Generalunternehmer haben z. B. häufig Subunternehmer, die aus europäischen Nachbarländern kommen. Oder Lieferketten, heißt Materialien, kommen einfach nicht aus Deutschland, sondern aus dem Ausland und sind jetzt nicht verfügbar. Das muss man kontinuierlich beobachten und neu bewerten. Im Augenblick sagen wir, alles was noch gut läuft, lassen wir unvermindert laufen. Wir bewerten es neu, wenn sich die Situation verändert.

Bei der Modernisierung sieht es natürlich schon ein bisschen anders aus. Wir haben alle Maßnahmen eingestellt, die erfordern, dass wir in Wohnungen müssen. Das wäre weder für die betroffenen HandwerkerInnen noch unsere MieterInnen zumutbar. Da räumen wir der Gesundheit Vorrang ein. Natürlich beschäftigt uns im Bereich des Bestandsmanagements das Thema Zahlungsfähigkeit. Es melden sich vermehrt MieterInnen, im Wesentlichen in Gewerbemietverhältnissen, die sagen, mein Einkommen bricht mir wegen der Corona-Pandemie weg. Unsere KundenberaterInnen beschäftigen sich heute häufiger mit der Frage, ob der Mieter seine Miete weiterzahlen kann und unter welchen Rahmenbedingungen.

Sind Einzugstermine wie die an der WATERKANT haltbar?

Wir gehen im Augenblick davon aus. Letzte Woche war die Abnahme des ersten Baufeldes im 1. Teilprojekt. Wir streben die Vermietung ab dem 1. Mai 2020 an. Das Vermietungsbüro vor Ort ist besetzt. Dort werden auch weiterhin Termine gemacht. Insofern reden wir in Anführungszeichen hier nur von der Abvermietungsgeschwindigkeit, weil alles nur in Einzelbesichtigungen erfolgt. Im Augenblick bin ich da noch ganz zuversichtlich.

Wie sieht es mit dem Betrieb auf den Baustellen aus: Wird weitergebaut?

Für den Neubau sag ich weiterhin ja. Modernisierungen, soweit sie in unbewohnten Objekten stattfinden, auch. Das ist gut möglich bei unseren komplexen Sanierungsobjekten, die wir im Regelfall vorher leerziehen. Anpassungen und Veränderungen ergeben sich im bewohnten Zustand.

„… wird eine der großen Herausforderungen sein, die Gelassenheit in der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Und den vergleichsweise positiven Tenor, also die Themen Hilfsbereitschaft, Unterstützung, Gemeinsinn, am Leben zu erhalten.“

Welche persönlichen Herausforderungen gilt es in den nächsten Wochen zu meistern?

Wir haben das Thema Ausgangsbeschränkung jetzt etwas mehr als zwei Wochen. Wenn wir uns die Diskussionen über die Frage ansehen, wann die Beschränkungen gelockert respektive aufgehoben werden können, wird eine der großen Herausforderungen sein, die Gelassenheit in der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Und den vergleichsweise positiven Tenor, also die Themen Hilfsbereitschaft, Unterstützung, Gemeinsinn, am Leben zu erhalten.

Auch wenn man sich in seinem Zuhause umguckt, gibt es ehrlicherweise eine Menge, was man tun kann, was ganz schön viel Zeit beanspruchen kann. Seit sechs Jahren wohnen wir zum Beispiel in unserer Wohnung und ich habe letzte Woche einen Generalcheck von Hauswirtschaftsraum und Küche gemacht. Nebenbei habe ich mich gefragt, was wohl in der letzten Schublade ganz hinten drin ist. Und ich habe es herausgefunden (lacht).

Es gibt viele Menschen, die deutlich beengter leben, nicht nur einen Zwerg am Start haben, sondern mehrere Kinder, und ohne Arbeitszimmer irgendwie Homeoffice machen. Da kann das Stresslevel schon steigen. Aber im Prinzip kann man viel bewältigen. Wenn man sich selber nicht einem zu hohen Druck aussetzt und wirklich plant und strukturiert. Bei uns ist es effektiv so, mein Mann arbeitet auch voll, dass wir im Schichtbetrieb unterwegs sind. Er steht auch gern mal, wenn er viel zu tun hat, um drei Uhr morgens auf. Im Gegensatz zu mir ist er dann abends um neun nicht mehr imstande zu arbeiten.

„Insofern leisten wir für 120.000 Menschen in der Stadt einen ganz wesentlichen Beitrag. Wenn diese sich nicht sorgen müssen, wie sie durch die Krise kommen, weil sie beispielsweise Engpässe bei den Mietzahlungen durch Umsatzverlust oder Kurzarbeit haben.“

Wie trägt die Gewobag dazu bei, dass Berlin gut durch diese Krise kommt?

Erstens, indem wir unseren KundInnen die Sicherheit geben, dass sie keine Sorge zu haben brauchen, ihre Wohnung zu verlieren. Und zum Zweiten – mindestens genauso wichtig für die Gewobag als Unternehmen –, dass wir unseren MitarbeiterInnen spiegeln können: Eure Jobs, um die braucht ihr euch keine Gedanken zu machen. Ich glaube, das ist uns in den letzten Wochen sehr gut gelungen. Frühzeitig haben wir unser Risiko-Präventions-Management-Team eingerichtet. Regelmäßige Updates der FAQs geben den KollegInnen den Komfort zu wissen, wie sie mit dieser Situation umgehen können und müssen. Gleichzeitig ist auch wichtig, dass wir zwar jetzt anders arbeiten – aber im Gegensatz zu vielen anderen Branchen arbeiten wir. Das dürfen wir nicht vergessen.

Als Wohnungsunternehmen zähle ich uns zur kritischen Infrastruktur. Das sind wir formal vermutlich nicht, dazu gehören Versorgung und Entsorgung, alles was Heizung, Wasser, Strom ist, aber auch Straßenreinigung, Müllentsorgung, Feuerwehr oder Polizei. Aber das Wohnen gehört natürlich dazu. Insofern leisten wir für mehr als 120.000 Menschen in der Stadt einen ganz wesentlichen Beitrag. Wenn diese sich nicht sorgen müssen, wie sie durch die Krise kommen, weil sie Engpässe bei den Mietzahlungen durch Umsatzverlust oder Kurzarbeit haben. Wir werden sicherstellen, dass den Leuten geholfen wird, die Hilfe brauchen und nötig haben. Bei den anderen wird darauf geachtet, dass sie ihren Verpflichtungen auch weiter nachkommen.

Wie sollten sich Wohnungs- und GewerbemieterInnen verhalten, die aufgrund der jetzigen Situation Probleme mit ihren Mietzahlungen bekommen? An wen wenden sie sich am besten?

An unser Service-Center. Das ist die erste Adresse. Sie können uns auch per Service-App kontaktieren, per Mail, oder auch im Service-Center anrufen. Ich finde den Weg über die E-Mail am besten. Und idealerweise, wenn die MieterInnen sicherstellen wollen, dass wir zügig reagieren können, den Bedarf so gut wie möglich nachweisen. Einfach die Nachweise mitsenden, aus denen hervorgeht: Das ist meine gegenwärtige Situation, das ist der Ausblick, den ich habe. Aus folgenden Gründen kann ich nicht oder nicht mehr in dem Umfang Mietzahlungen tätigen. Lassen sie uns über Möglichkeiten reden.

Wie groß ist der Zusammenhalt, die Solidarität in den Gewobag-Quartieren?

Wir kriegen dazu Rückmeldungen von unseren ehrenamtlichen Mieterbeiräten und auch von unserem Mieterrat. Das ist von Quartier zu Quartier unterschiedlich, muss man fairerweise sagen. In Quartieren, in denen wir langjährige Mieterstrukturen mit etablierten Beziehungen haben, erleben wir eine große Solidarität. Das wird in der Stadt nicht homogen sein und muss wie immer im Leben individuell betrachtet werden.

„Es wird sehr stark vom weiteren Umgang der einzelnen Nationen mit diesem Thema abhängen, wie gut und wie gestärkt oder geschwächt wir aus dieser ganzen Krise rauskommen.“

Was können wir aus der Corona-Krise lernen?

Ich glaube, eine wichtige übergeordnete Erkenntnis ist: Der Mensch ist keine Insel. Und auch einzelne Staaten sind keine Inseln. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir vernetzt sind, was die Warenströme angeht, die Infrastruktur, die Versorgung. Trotz Isolation oder Abgrenzung stehen wir alle vor einer gewaltigen Herausforderung. Die ist für alle gleich. Jetzt wird sich zeigen, wie eine europäische Gemeinschaft oder auch Weltgemeinschaft funktionieren kann. Es wird sehr stark vom weiteren Umgang der einzelnen Nationen mit diesem Thema abhängen, wie gut, wie gestärkt oder geschwächt wir aus dieser ganzen Krise rauskommen. Beschäftigen wird die Krise uns noch eine lange Zeit. Wenn nicht durch aktiven Eingriff in unsere Bewegungsmöglichkeiten, dann mindestens aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen.

Es geht trotzdem darum, keine Krise zu verschwenden. Vor diesem Hintergrund glaube ich, dass viele Dinge neu überdacht werden. Das Thema Digitalisierung wird uns weit stärker begleiten, als es bisher der Fall war. Auf bundesrepublikanischer Ebene wird hoffentlich auch das Thema Infrastrukturausbau, Netzausbau eine völlig andere Priorität bekommen, auch was die Mittel angeht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der aktuellen Situation wurden für diesen Beitrag Archivbilder verwendet. Titel Photo © Felix Seyfert