Kiezkoordinatorin bei der Gewobag

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Arbeiten bei der Gewobag: Anna Müller ist seit 2018 Kiezkoordinatorin bei der Gewobag. Sie hat Angewandte Kulturwissenschaften in Lüneburg studiert und während des Studiums auch einen Abstecher nach Slowenien gemacht, um Internationale Beziehungen zu studieren. Schon während dieser Zeit war Anna Müller klar, dass das Thema Stadt sie langfristig beschäftigen würde. Seit 2011 ist Anna Müller in Berlin zu Hause und hat hier eine Familie gegrün-det. An Berlin findet sie spannend, dass es fast alle Facetten des Positiven, aber auch des Negativen vereint. Dass Berlin eine Stadt ist, in der man, wenn man von A nach B unterwegs ist, durch zehn verschiedene Welten reisen kann.


Hier erzählt Sie uns von ihrem spannenden Beruf einer Kiezkoordinatorin, der sich mit den Details und Herausforderungen des Alltags in den Berliner Gewobag Quartieren auseinandersetzt. Es ist ein Beruf, der einerseits direkt vor Ort ansetzt und auf der anderen Seite die Möglichkeit gibt, Entwicklung zu denken, sich Zeit und Raum für die Frage zu nehmen: Wie kann Nachbarschaft heute und zukünftig in Städten funktionieren? Und: Wie kann sich Nachbarschaft in einer Stadt wie Berlin, die durch Wachstum und Heterogenität geprägt ist, entwickeln.

Was heißt für Sie eigentlich Kiez und was Koordinatorin?

Kiez sagt man ja in Berlin zur Nachbarschaft, wir bei der Gewobag sprechen auch von einem Quartier. Da lebt man, da geht man einkaufen. Da gehen die Kinder in Kita und Schule. Das ist der Mittelpunkt des Lebens. Da sollte man alles haben, was man braucht, und sich wohlfühlen. In Berlin identifizieren sich die Menschen stark mit ihrem Kiez. Das kann aber auch zu Konflikten führen, denn Kieze verändern sich. Koordination heißt für mich in erster Linie, Verbindungen herzustellen. Von Mensch zu Mensch, von den MieterInnen zur Gewobag oder den AkteurInnen zwischen Politik und Gremien. Wir sind als KiezkoordinatorInnen NetzwerkerInnen und versuchen einen Interessensausgleich zu schaffen. Ich mag in diesem Zusammenhang den Begriff Entwicklung: Wo soll es hingehen? Wir wollen ja die Situation unserer MieterInnen stetig verbessern.

Welche Aspekte gehören für Sie zur gesellschaftlich fairen Entwicklung einer Stadt?

Die Herausforderung ist, dass jeder seinen Platz finden sollte, gerade in einer Stadt wie Berlin, in der sich die unterschiedlichsten Lebensstile widerspiegeln. Alle BewohnerInnen sollten in der Lage sein, sich zu verwirklichen und ihr Leben zu bestreiten. Diese Grundvoraussetzung zu schaffen, gehört für mich zu einer fairen Stadtentwicklung.

Gerade gibt es viel Spielraum. Es wird viel gebaut. Die Stadt entwickelt sich sehr dynamisch. Das ist eine tolle Chance. Die Idee von nachhaltiger Stadtentwicklung ist, dass man Gesellschaft mitbaut, und schaut, was man an Begegnungen und Zusammenleben ermöglichen kann.

In welchen Kiezen sind Sie tätig?

Als Kiezkoordinatorin betreue ich zwei Kieze in Spandau und einen in Schöneberg. Die Georg-Ramin-Siedlung in Spandau ist ein schönes Quartier aus den 50er-Jahren mit lockerem Siedlungsbau, weitläufigen Grünanlagen und einer weitgehend intakten Nachbarschaft. Da grüßen sich die Leute, helfen und kennen sich. Da läuft es ziemlich gut. Wir sprechen ja ab 300 Mieteinheiten von einem Quartier. Dann wird auch ein Mieterbeirat als Interessenvertretung der MieterInnen gebildet. Die gewählten Mieterbeiräte bieten Sprechstunden und Beratungen an, bündeln die Anliegen der MieterInnen und organisieren nachbarschaftliche Aktivitäten.

Die Anforderungen, Themen und Handlungsfelder in unseren Quartieren unterscheiden sich. Wir haben in unserem Bestand die ganze Bandbreite: Groß und Klein, zentral und Stadtrandlage, Altbauquartiere und Wohnsiedlungen.

Am Mühlenberg zum Beispiel, einem Kiez in Schöneberg und einem unserer kleinsten Quartiere, planen wir derzeit eine Nachverdichtung. Das stößt teilweise auf Widerstand. Oft wollen die, die eine Wohnung haben, keine Veränderung – manche fühlen sich ohnmächtig, empfinden die Veränderung als Verlust. Diese Empfindungen muss man ernst nehmen und gleichzeitig deutlich machen, dass neuer Wohnraum in Berlin dringend benötigt wird.

Kiezkoordinatorin Anna Müller steht auf einer Wiese in ihrem Kiez.
Anna Müller Kiezkoordinatorin bei der Gewobag.

Wie würden Sie Ihren Job beschreiben?

Als Kiezkoordinatorin bin ich in der Abteilung Quartiersentwicklung tätig. Wir sind in unserem Team bunt gemischt, haben u.a. Kultur-, Politik- und SozialwissenschaftlerInnen, GeographInnen, StadtpanerInnen, SozialarbeiterInnen und BetriebswissenschaftlerInnen bei uns. Untereinander haben wir einen engen und wertschätzenden Austausch und Verständnis für die jeweiligen Perspektiven. Zum Beispiel wird die Nachbarkonfliktberatung von KollegInnen mit sozialpädagogischem Hintergrund verantwortet. Da muss man moderieren können.

Jeder Tag bei uns ist neu. Man weiß nie, was einen erwartet. Das ist nichts für zart Besaitete. Oft ist man mit schwierigen Situationen und Konflikten konfrontiert und muss schnell reagieren können. Als Kiezkoordinatorin kann man sich nicht hinter seinem Schreibtisch verstecken. Wir sind sicht- und ansprechbar und kriegen viel mit. Manchmal stehen wir auch zwischen den Parteien. Das ist nicht immer einfach. Prozesse müssen weiterlaufen, Zahlen müssen stimmen, manchmal geht dabei der Blick auf die konkreten Menschen verloren. Wir sind vor Ort bei den MieterInnen. Wir sind die Lobby der MieterInnen, auch hier im Unternehmen. Das wird im Haus wertgeschätzt.

Was verstehen Sie denn unter guter Nachbarschaft?

Dass man sich sicher fühlen kann, einen Rückzugsort hat. Trotz der Anonymität, die eine Stadt hat, finde ich es schön, wenn man seine Nachbarn kennt, man mal klingeln kann, Unterstützung bekommt, wenn man Hilfe braucht. Dass es Orte gibt, wo man sich treffen kann: Man geht raus. Es gibt eine schöne Bank. Man setzt sich hin – und zufällig begegnet man jemanden. Eine gute Nachbarschaft sollte dazu animieren, Verantwortung zu übernehmen. Es ist gesellschaftlich fatal, wenn man seine Eigenverantwortung abgibt. Wenn man es schafft eine Nachbarschaft zu etablieren, bei der man Lust darauf hat, sich zu beteiligen, fühlt man sich auch wohler.

Wie, glauben Sie, wird sich Nachbarschaft Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren verändern?

Wir spüren gerade in Berlin in den Nachbarschaften das Wachstum der letzten Jahre. Es ist dichter geworden. Auch die Heterogenität bemerkt man deutlich. Wir haben viele Menschen mit unterschiedlichen Lebensstilen, nicht nur auf ihre Herkunft bezogen. Schaffen wir es, dass wir uns mehr auf die Gemeinsamkeiten als auf die Unterschiede fokussieren? Das ist, glaube ich, jetzt die große Herausforderung, die wir haben. Das fängt ja bei kleinen Sachen wie der Hausordnung an.

Die Gesellschaft entwickelt sich weiter und wir halten oftmals noch an Regeln fest, die gemacht wurden, als es darüber in der Gesellschaft noch einen Konsens gab. Die Hausordnung ist da wirklich ein gutes Beispiel. Entweder halte ich mich an Regeln, weil ich sie wertvoll finde oder weil ich Angst vor Sanktionen habe. Momentan greift beides schwer. Ein Haus ist wie eine Zelle, dann kommt der Block, ein Kiez bzw. das Quartier, die Stadt, das Land usw. Überall geht es um die gleichen Themen. Und da sind wir hier mit der kleinen Zelle Haus ganz nah dran zu schauen, wie man es denn hinbekommen kann, einen Konsens zu schaffen. Was wollen die Leute, wo wollen sie sich beteiligen, was ist ihnen egal?

Welche Impulse können Sie als Kiezkoordinatorin geben?

Ich persönlich bin ein Fan von den Grünanlagen der Gewobag. Die Investitionen sind gering, Anlagen, Flächen sind da und die Effekte sind riesengroß. Viele Leute haben kleine Wohnungen. Es ist spürbar dichter geworden. Deswegen sind Grünanlagen so wichtig. Dass man nochmal raus kann, die Kinder auch, wie eine Art zweites Wohnzimmer. Wir haben zum Beispiel ein Projekt in der Georg-Ramin-Siedlung. Dort gibt es in der Nachbarschaft großes Interesse an Artenvielfalt und Nachhaltigkeit. Da haben die BewohnerInnen eine Wildblumenwiese angelegt. Es wurde ein Pflanzenstammtisch ins Leben gerufen, ein drei mal drei Meter großes Insektenhotel wurde gebaut. Bei Grünanlagen und Pflanzobjekten kommen die Leute miteinander ins Gespräch. Es ist kein Brennpunktthema und niedrigschwellig. Es gibt eben Sachen, die gemeinsam Spaß machen, es ist schön, etwas wachsen zu sehen und etwas zu pflegen.

Ein Insektenhotel steht auf einer Wildblumenwiese, die die Mieter der Gewo-bag mit den KiezkordinatorInnen umgesetzt haben.
Wildblumenwiese und Insektenhotel in der Georg-Ramin-Siedlung.

Welche Bedeutung haben Ihrer Meinung nach Beteiligung und Teilhabe für längerfristig funktionierende Quartiere?

Jeder sollte die Möglichkeit haben, sich zu beteiligen, wenn er das möchte. Aktionen sollten sich aus Interessen heraus entwickeln. Man muss über Sprachbarrieren hinaus überlegen, wie man Beteiligung vermitteln kann. Es geht da um einen Methodenmix, um Formate zu entwickeln, die an den Leuten dran sind. Hierzu gehören etablierte Formate wie die Mieterbeiräte oder Quartiersräte, aber auch kurzfristige anlassbezogene Formate, die direkt bei den Interessen der Beteiligten ansetzen.

Wie werden Quartiersentwicklungen und soziales Engagement bei der Gewobag gedacht?  

Es geht um eine ganzheitliche Entwicklung und eine enge Zusammenarbeit der verschiedenen Bereiche im Unternehmen. Welche gesellschaftlichen Entwicklungen gibt es, was können wir aufnehmen? Soziales Engagement ist für mich eine Querschnittsaufgabe. Ich arbeite so gerne als Kiezkoordinatorin bei der Gewobag, weil es da die ganze Expertise gibt, die Fachkräfte aus den unterschiedlichsten Bereichen. Die Techniker, die Verwaltungsleute, du hast alle da. Ich mag die bereichsübergreifende Zusammenarbeit, nur so können wir die ganzen Themen angehen. 

Warum gehören Hochschulkooperationen und Studierendenprojekte auch zu Ihrem Portfolio?

Wir haben ein sehr taffes Tagesgeschäft und eine große Bandbreite an Themen.

Als Kiezkoordinatorin ist meine Telefonnummer im Internet. Viele MieterInnen wollen mal mit einem Menschen sprechen. Wir sind auch ein Sammelbecken. Manchmal fehlt uns da die Zeit, um in die Tiefe zu gehen. Wir machen die Feste, betreiben die Kiezstuben – als Teil unserer Arbeit, ganz nah vor Ort.

Bei Hochschulkooperationen hat man mal den Blick von außen. Da ist Zeit und Raum da. Da gibt es keine anderen Anforderungen, als einer definierten Frage nachzugehen. So haben wir bei unserem Projekt im Quartier Ringslebenstraße in Südneukölln, wo es Modernisierung und Nachverdichtung geben wird, mit der Alice Salomon Hochschule eine aufsuchende Befragung gemacht. Was haben die Leute für Bedürfnisse, welche Gemeinschaftsräume wünschen sie sich usw.  Da sind andere Ergebnisse als bei den Fragebögen herausgekommen, mit denen wir sonst arbeiten und die oft von der älteren Generation beantwortet werden. Bei der aufsuchenden Befragung wurden z. B. auch aktiv Jugendliche befragt. Man bekommt dadurch auch andere Perspektiven mit. Das fand ich superspannend.

„Man hat das Konkrete vor Ort, im Gespräch, bei Konflikten im Alltag, geht da tief rein – und am nächsten Tag hat man einen Kongress auf Bundesebene und die Möglichkeit, diese Perspektive dort einzubringen und zu artikulieren.“

Wie kann man sich einen Arbeitstag bei Ihnen vorstellen?

Jeder Tag ist anders. Ein- bis zweimal pro Woche bin ich im Quartier unterwegs, zu Mieterbeiratssitzungen und Veranstaltungen oder Treffen mit MieterInnen und PartnerInnen.

Man hat das Konkrete vor Ort, im Gespräch, bei Konflikten im Alltag, geht da tief rein – und am nächsten Tag hat man einen Kongress auf Bundesebene und die Möglichkeit, diese Perspektive dort einzubringen und zu artikulieren.

Was wünschen Sie sich für Berlin?

Ich wünsche mir, dass wir die Chance nutzen und Gesellschaft mitgestalten. Dass wir neue Lebensformen für Patchwork-Familien oder Senioren-WGs mitdenken. Dass wir experimentieren. Und das Thema Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit ist mir ganz wichtig. Dass Kinder, die jetzt aus schwierigen Verhältnissen kommen, nicht die Biographie ihrer Eltern wiederholen müssen. Das wünsche ich mir sehr für Berlin, dass das gelingt und dort viel investiert wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

Photos © Maren Schulz & City Press GmbH


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