Moderne Gebäude am Ufer eines Flusses

„Ein Hochhaus einer neuen Generation“

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Das Hochhaus der WATERKANT Berlin ist das erste in diesem Jahrhundert überhaupt, das die Gewobag baut. Der renommierte Berliner Architekt Eike Becker spricht im Interview über die Besonderheiten „seines“ neuen Gebäudes und darüber, welche Rolle eine neue Generation von Hochhäusern für die Menschen und für die Entwicklung moderner Städte spielen kann.


WATERKANT-Architekt Eike Becker.
Eike Becker leitet seit 1999 mit Helge Schmidt das international renommierte Büro Eike Becker_Architekten in Berlin.

Herr Becker, Sie sind als entwerfender Architekt mit Ihrem Büro Eike Becker_Architekten für die Projektentwicklung und die Generalplanung des WATERKANT-Hochhauses verantwortlich. Was ist das Besondere an dem Projekt?

Eike Becker: Zunächst einmal ist es eines der ersten sozial verträglichen Hochhäuser seit vielen Jahren in Berlin. Es bietet 58 förderfähigen, barrierefreien Wohnungen Platz, darunter Mehrgenerationen- und Familienwohnungen. Alle vier Wohnungen pro Etage haben innenliegende, windgeschützte Loggien mit Blick aufs Wasser. Die Fassadenbekleidung verbindet die einzelnen Fenster zu größeren Einheiten und verleiht dem Haus seine ruhigen, angenehmen Proportionen.

Zudem ist das knapp 60 Meter hohe, 16-geschossige Gebäude ein wichtiger Bestandteil eines vielfältigen neuen Quartiers. Es liegt direkt an der öffentlichen Promenade. Drumherum befindet sich eine Vielzahl von Gemeinschaftsgärten, es gibt allgemein zugängliche Dachterrassen. Eine Kindertagespflege im Erdgeschoss stellt die Verbindung zum großen öffentlichen Spielplatz nebenan her. Platz für ruhiges Gewerbe in den Erdgeschossen und eine Anbindung an E-Mobilität, Car-, Bike- und Lastenräder-Sharing schafft eine insgesamt hohe Lebensqualität. 

In Berlin entstehen in den nächsten Jahren viele neue Hochhäuser. Warum wird mehr in die Höhe gebaut?

Becker: Nachverdichtung ist das Thema der Stunde. Es lässt die Fronten aufeinanderprallen: Besitzer wollen ihre Grundstückswerte steigern, Genossenschaften zusätzliche Wohnungen für ihre Mitglieder bauen, Projektentwickler und Investoren ihren Gewinn erhöhen. Architekten möchten die Bauqualität verbessern und landeseigene Wohnungsgesellschaften das Wohnungsangebot erweitern.

Was ist Ihre Meinung?

Becker: Heute sprechen politische, ökonomische, ökologische und soziale Aspekte für eine deutlich kompaktere Bauweise. Auch Politiker fordern die urban gemischte Stadt mit kurzen Wegen, Arbeitsplätzen vor Ort und sozialer Mischung. Als übergeordnetes politisches Ziel sollen möglichst viele Menschen teilhaben an der im besten Sinne inklusiven und kreativen Stadt. Doch die konkrete Umsetzung vor Ort scheitert allzu häufig an populistischem Pragmatismus.

Die intensivere Nutzung von bereits erschlossenen Grundstücken mit ihrer vorhandenen Infrastruktur in Verbindung mit voluminöseren Baukörpern könnte einen bedeutenden Beitrag zur Kostensenkung im Wohnungsbau liefern. Aber viele Ämter stemmen sich mit ihren geltenden Baugesetzen wie Rugbyspieler gegen jeden zusätzlichen Meter.

Und inwiefern sind Hochhäuser ökologisch?

Becker: Kompakte Städte haben einen kleineren ökologischen Fußabdruck und verbrauchen infolgedessen weniger Ressourcen, weniger Energie und weniger Land. Im Vergleich zu Hongkong, einer der am höchsten verdichteten Großstädte der Welt, ist der Energieverbrauch im lockerer bebauten Berlin dreimal so hoch, in den weiter ausufernden Städten wie Zürich sechsmal, im Siedlungsbrei von Melbourne zwölfmal und im durchgrünten Los Angeles sogar 18-mal so hoch. Das kann durch keine noch so ambitionierte Energieeinsparverordnung aufgeholt werden.

Aber ist die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner in einem Hochhaus nicht geringer?

Becker: Nein, denn es geht ja darum, Menschen dichter zusammen zu bringen, damit Begegnungen sich häufen und Nachbarschaften entstehen. Wir sprechen hier von Hochhäusern einer neuen Generation. Mit den seelenlosen Wohnmaschinen der Schlafstädte aus den 1960er-Jahren haben diese neuen vertikalen Dörfer kaum etwas gemein. Moderne Hochhäuser berücksichtigen die Bedürfnisse der Menschen und ihre veränderten Lebenssituationen. Sie entstehen mitten in der Stadt, werden verkehrsgünstig erschlossen, städtebaulich sorgfältig in ihre Nachbarschaft eingebunden und architektonisch anspruchsvoll geplant. Sie erhalten sinnvollerweise einen Sockel, in dem Begegnungsstätten entstehen, etwa Läden, Cafés, Restaurants. Und warum nicht auch Sportvereinen, Musikclubs oder sozialen Trägern die erdgeschossnahen Flächen günstig zur Verfügung stellen?

Sebastian Scheel, Senator für Stadtentwicklung und Wohnen und Gewobag-Vorstandsmitglied Snezana Michaelis bei dem Baustart des 16-geschossigen Hochhauses an der WATERKANT Berlin. Foto © City Press.

Gehören Hochhäuser also zwingend zu modernen Städten?

Becker: Wenn sie Menschen zusammenbringen, Gemeinschaft fördern und Nachbarschaft erzeugen, dann ja. Durch Hochhäuser wird eine Stadt dichter. Und dichtere Städte erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die etwas miteinander anfangen können, auch zusammenkommen. Außerdem fördert Dichte auch wirtschaftliche Innovation. So ist die Wahrscheinlichkeit, ein höheres wirtschaftliches Niveau, engere soziale Bindungen oder ein stärkeres subjektives Wohlbefinden zu erreichen, in der City größer als in der Einfamilienhaussiedlung im Außenbezirk.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wird Berlin, werden auch andere Städte in Deutschland gespickt sein von Wolkenkratzern?

Becker: An einem Wettbewerb um das höchste Hochhaus der Welt wird sich keine deutsche Stadt beteiligen. Die meisten deutschen Städte haben eine historische Silhouette aus Kuppeln und Kirchtürmen, auch deshalb sind Wolkenkratzer meist nicht mehrheitsfähig – und Stadtplanung ist nun mal Gemeinschaftssache: Weil viele gesellschaftliche Gruppen daran beteiligt sind, ist das Hochhaus nicht der Bautyp, der sich in Deutschland auf breiter Front hat durchsetzen können oder durchsetzen wird.

Besteht da Anlass zur Kritik?

Becker: Die Frage ist: Was ist die richtige Dosierung von Erregung und Ruhe, um in einer Umgebung mit unnatürlich schnellem Lebenstempo die Lebensqualität zu erhöhen? Nur die Gründerzeitquartiere kopieren, reicht nicht. Aber städtische Verdichtung funktioniert auch nur dann, wenn sie ein Gesamtkonzept ist und man sich nicht nur mit der Vermehrung der Geschossflächen auf gleicher Grundfläche zufriedengibt.

Mit Verdichtung in Verbindung mit einer Ertüchtigung der öffentlichen Räume kann eine umfassende Verbesserung der Lebensqualität erreicht werden. Das betrifft vor allem die Aufenthalts- und Freiraumqualitäten und es bedarf dabei einer entschiedenen Umwidmung der Flächen: Autostraßen reduzieren, Rad- und Fußgängerwege ausbauen, Erdgeschosse öffnen, Dachgärten anlegen und die Parks an veränderte Spiel- und Freizeitaktivitäten anpassen. Straßen und Plätze müssen zu vielfältigen Orten für Bewegung, Begegnung, Angebot und Inspiration werden. Die WATERKANT Berlin ist da ein gutes Beispiel.

Vielen Dank für das Gespräch!

Foto und Rendering © Eike Becker_Architekten


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