Peter Abraham in den Stephanus-Werkstätten
28. März 2021

„Inklusion fängt im Kopf an!“

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In den Stephanus-Werkstätten können sich Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen in verschiedenen Berufsfeldern ausprobieren und finden einen Arbeitsplatz. So auch in der Näherei, in der aus alten Gewobag-Werbeplanen neue Recycling-Rucksäcke genäht wurden. Für die Werkstätten in Ostprignitz-Ruppin ist er verantwortlich: Werkstattleiter Peter Abraham ist schon von Anfang an dabei. Seit der Gründung im Jahr 1991 setzt er sich für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung ein. Im Interview berichtet er von seiner Arbeit.


Herr Abraham, wofür gibt es die Stephanus-Werkstätten?

Peter Abraham: Bei uns bekommen Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung oder Suchtkrankheit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt keinen Job kriegen, die Chance, einen Werkstattalltag mitzuerleben. Dadurch erfahren sie eine Struktur, erkennen ihre eigenen Stärken und erlernen neue Fähigkeiten. Unsere Werkstattbeschäftigten arbeiten dann entweder in den verschiedenen Berufsfeldern unserer Werkstätten oder an einem ausgelagerten Arbeitsplatz bei einer externen Firma, sodass wir im ständigen Kontakt bleiben.

Eine Mitarbeiterin der Stephanus-Werkstätten
Die handgefertigten Produkte der Stephanus-Werkstätten können in den jeweiligen Werkstattläden käuflich erworben werden.

Welche Berufe können in den Werkstätten ausgeübt werden?

Peter Abraham: Wir haben neben der Näherei, in der wir die Gewobag-Rucksäcke produziert haben, viele weitere Arbeitsbereiche. Dazu gehören ein Elektro-, ein Metall- und ein Holzbereich sowie ein Gartenlandschaftsbereich und eine landwirtschaftliche Abteilung. Für unseren eigenen Hofladen in Heilbrunn produzieren wir sogar eigene Wurst und vermarkten dort unsere eigenen Produkte. Jeder Werkstattbeschäftigte, der zu uns kommt, kann in einem vierteljährigen Eingangsverfahren testen, ob wir der richtige Arbeitsort sind. Danach kann er oder sie zwei Jahre den Berufsbildungsbereich durchlaufen sowie Praktika in den verschiedenen Arbeitsbereichen machen. Das ist angelehnt an die Lehrausbildung. Hier kann jeder Einzelne herausfinden, wo die Interessen und Stärken liegen, um den passenden Beruf in unseren Werkstätten zu erkennen.   

Peter Abraham in den Stephanus-Werkstätten.
Peter Abraham arbeitet schon seit 30 Jahren in den Stephanus-Werkstätten.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?

Peter Abraham: Am meisten gefällt mir der Umgang mit den Menschen. Das Arbeiten mit den Werkstattbeschäftigen macht allen Mitarbeitende Spaß. Sie sind so ehrlich, aufmerksam und lebensfroh, wodurch sie uns sehr gut erden. Sie zeigen uns, was im Leben wichtig ist. Und sie teilen mit, wie sie die Welt sehen. Zum Beispiel zeigen sie uns ihre Freude, wenn die Sonne scheint. Und auch, wie dankbar sie für ihren Arbeitsplatz sind. Aber es ist auch eine sehr anspruchsvolle Arbeit.

Was sind die Herausforderungen?

Peter Abraham: Wer hier arbeitet, wird sehr schnell eine wichtige Bezugsperson. Es wird nicht acht Stunden lang über Arbeit gesprochen. Manchmal fragen die Werkstattbeschäftigten nach Rat und erzählen von ihren Problemen. Hier ist die soziale Kompetenz sehr wichtig.  

Woher kommt die soziale Kompetenz?

Peter Abraham: Die Theorie kann man lernen. Alle unsere Mitarbeitende haben eine sonderpädagogische Zusatzausbildung. Gruppenleiter sollen bei uns einen Grundberuf im Handwerk oder Gewerbe gelernt haben. Das schreibt der Gesetzgeber vor. Aber nicht alle Pädagogen sind gute Handwerker und nicht alle Handwerker sind gute Pädagogen. Daher sind unsere Mitarbeitende handverlesen. Und auf die, die hier sind, kann ich mich verlassen.

Was bedeutet Inklusion für Sie?

Peter Abraham: Inklusion fängt im Kopf an. Man muss dazu bereit sein, sich auf Menschen einzulassen, die anders handeln als erwartet. Und wenn wir dazu bereit sind, öffnet sich die Berufswelt für Menschen mit Behinderung. Wichtig ist auch, dass wir die Arbeit anerkennen. Die Produkte, die wir produzieren, sind handgefertigt und mit Liebe zum Detail gearbeitet. Unsere Kunden schätzen, dass wir gute Quantität und Qualität zu einem fairen Preis liefern.  

Welche Produkte und Dienstleistungen bieten Sie an?

Peter Abraham: Es gibt kaum Anfragen, auf die wir nicht eingehen können. Das ist das Spannende an unseren Werkstätten. Wir schauen immer, wie wir etwas möglich machen können. So hat auch die Taschenproduktion begonnen: Wir wurden gefragt, ob wir aus einer alten Lkw-Plane etwas machen können. Darüber haben wir uns lange Gedanken gemacht und uns dann für die Produktion von Taschen entschieden. Nach dem gleichen Prinzip haben wir auch die Gewobag-Rucksäcke gefertigt. Als Rohstoff haben wir hierfür alte Werbeplanen verarbeitet. Diese wurden gereinigt, zugeschnitten und zu individuellen Rucksäcken vernäht. Jedes Produkt, das wir anfertigen, ist etwas Besonderes.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?

Peter Abraham: Dass es solche Werkstätten wie die unseren auch in Zukunft geben wird. Und dass alle Menschen sich wertgeschätzt fühlen und positive Erfahrungen sammeln.

Vielen Dank für das Gespräch!

Fotos © Felix Seyfert


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