„Der Kotti ist ein einzigartiger Ort“

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Fahimi Bar, Paloma Bar, Monarch – das sind Institutionen des Nachtlebens am Kottbusser Tor. Betrieben werden sie von der Kotti GmbH. Christoph Nahme ist einer der Geschäftsführer, er kennt das Kottbusser Tor besonders gut. Wir haben mit ihm über die Clubs, den Kiez und seine Veränderungen gesprochen.


Das Kottbusser Tor in Kreuzberg, genannt Kotti, ist einer der Berliner Orte, die über die Stadtgrenzen hinaus bekannt sind. Es ist ein Ort der Gegensätze: Einerseits der Ort, an dem sich das kulturelle und Kiezleben Berlins so dicht abspielen, wie sonst nirgendwo in der Hauptstadt. Hier kommen die Menschen zum Essen und Plaudern, zum Verweilen und Flanieren, sie kommen zum Tanzen, und sie gehen hier zu Lesungen, Konzerten und Ausstellungen. Andererseits ist es auch ein Ort der Kriminalität, Drogenumschlagplatz, bei dem in den umliegenden Hauseingängen durchaus auch gebrauchte Spritzen rumliegen.

Die visuelle und architektonische Ikone des Kiez, das Neue Kreuzberger Zentrum (NKZ), ist seit April 2017 im Gewobag-Bestand. Die Kotti GmbH hat hier mit der Fahimi Bar, dem Monarch und der Paloma Bar gleich drei beliebte Clubs. Wir haben mit einem der Betreiber, Christopher Nahme, über den Kiez gesprochen.

Seit 2017 im Gewobag Bestand: das Neue Kreuzberger Zentrum

Mit ihren Partnern haben Sie am Kottbusser Tor gleich drei Clubs bzw. Bars. Wie kam es dazu?

Mit dem Festsaal Kreuzberg, unserem ersten Veranstaltungsraum, waren es ursprünglich sogar vier und mit ihm fängt unsere Geschichte an: Zunächst waren wir dort Untermieter, veranstalteten Konzerte und Partys. Das lief gut und irgendwann übernahmen wir die Hauptmiete, weiteten das Programm aus, veranstalteten neben Konzerten auch Lesungen. Aber es fehlte noch ein Ort, wo die Menschen nach den Konzerten hingehen konnten …

Christoph Nahme einer der Geschäftsführer der Kotti GmbH.

… und dann haben Sie einfach mal um die Ecke geschaut und direkt nebenan einen Ort gefunden?

Heute klingt das unvorstellbar, aber das war wirklich so: Hier gab es vor 13 Jahren noch Leerstand. 2006 haben wir die Paloma Bar eröffnet und dann gemerkt, dass hier noch mehr möglich ist. 2007, und zwar buchstäblich direkt nebenan, kam dann der Monarch hinzu. Damals gab es sogar noch eine kommunale Förderung für Leerstandsentwicklung. Eine Gelegenheit, die wir damals aber leider verpasst haben, sonst hätten wir 50.000 Euro dazubekommen …

… es ging ja aber auch ohne. Wie schafft man es, dass Orte gut ankommen?

Das kann ich nicht allgemein beantworten. Bei uns ist es so gelaufen: Wir wollten die Orte, für die wir verantwortlich sind, so gestalten, dass auch wir uns darin wohlfühlen. Das fängt mit dem Programm an: Hier spielen Bands, die wir mögen, hier finden Lesungen mit Verlagen statt, auf die wir stehen usw.. Unser persönlicher Geschmack spiegelt sich überall wider. Aber es ist natürlich auch das Team: Wenn es im Team klappt, dann wirkt sich das auch positiv auf die Kundschaft aus. Wir versuchen immer, alles auf Augenhöhe mit der Belegschaft und den Gästen zu machen. Es darf keine zu große Schere geben. Beide Seiten sollen sich wohlfühlen.

Die Fahimi Bar ist ein Ort der Gegensätze.

Was macht den Kotti für Sie so besonders?

Die Mischung. Und die Dichte. Hier kommen Menschen aus verschiedensten Kulturen zusammen, auch viele junge Kulturinteressierte. Es gibt nicht viele solche Orte mitten in der Stadt an einem idealen Verkehrsknotenpunkt. Bevor die Mauer fiel, war das hier quasi ein Blinddarm, das Ende der Welt. Und nun: die Mitte der Stadt. Was hier alles passiert und auch glücklicherweise nicht passiert ist! Beispielsweise haben die Alliierten diesen Ort als Truppenübungsplatz genutzt und es war mal geplant, dass hier eine Autobahnausfahrt gebaut wird. Der Kotti ist schon sehr einzigartig. Ich mag diesen Ort.

NKZ: Treffpunkt unterschiedlichster Kulturen.

Was hat sich in der letzten Dekade verändert am Kotti?

Der Raum ist sehr knapp geworden, es gibt quasi keinen Leerstand mehr. Außer wegen Bausubstanzmängeln vielleicht. Die Mieten steigen enorm und viele Betriebe müssen aufgrund von Mieterhöhungen schließen. Wenn man das genau betrachtet, ziehen da dann immer wieder Ketten und Franchiseunternehmen ein. Das ist sehr schade.

Langfristige Verträge, wie die Gewobag sie gewährt, sind daher für die Planung enorm wichtig…?

Das kann man laut sagen.

Fehlt Ihnen etwas am Kotti?

Ein See wäre klasse.

Gibt es eine schöne Geschichte, die Ihnen aus den letzten 15 Jahren in Erinnerung geblieben ist?

Für uns war das Jahr 2017 ein sehr wichtiges. Wir haben zu Beginn des Jahres für den Festsaal Kreuzberg wieder einen Raum gefunden. Dann hat auch noch das Land Berlin der Immobilienspekulation um das Zentrum Kreuzberg einen Riegel vorgeschoben und die Gewobag hat es gekauft. Danach konnten alle Privat- und Gewerbemieter aufatmen. Der Krimi vorher, welcher Spekulant jetzt das Gebäude kaufen könnte, hat alle vor Ort ziemlich viele Nerven gekostet.

Die Fahimi Bar, will die willkommen heißen, die die einfachen Freuden des Lebens genießen möchten.

War das schon immer Ihr Traumberuf, Unternehmer in der Kulturindustrie zu sein?

Ja, Kulturbetriebe haben mich schon immer stark interessiert. Lesungen, Konzerte, Clubmusik sind meine Leidenschaft.

Eins noch: Womit haben Sie Ihr allererstes Geld verdient?

Ich hatte einen Ferienjob in einem Fliesenbetrieb. Dort habe ich mit einer Essgabel das Moos aus den Ritzen im Innenhof gekratzt. Das war mein erster Job.

Wir danken für das Gespräch!

Photos © Felix Seyfert