Martha Cooper

MARTHA COOPER: TAKING PICTURES Retrospektive

Dokumentation von Vergänglichkeit und Zukunft:

Am 2. Oktober wird die Retrospektive der Ausnahme-Fotografin Martha Cooper im URBAN NATION Museum eröffnet. Thema der Ausstellung sind Leben und Werk einer Frau, die in den 1970er Jahren begann, die Graffiti- und Hip-Hop-Bewegung in New York zu dokumentieren. Ein Gespräch mit dem Direktor des URBAN NATION Museums Jan Sauerwald über das Werk der Dokumentaristin, die als erste weibliche Fotografin für die New York Post arbeitete, durch ihr Interesse und ihre Offenheit Zugang zu einer abgeschlossen agierenden Jugendkultur bekam und mit ihren Fotos eine weltweite Bewegung im Bereich des Graffiti lostrat.


Martha Cooper
Jan Sauerwald, seit Oktober 2019 Direktor des URBAN NATION MUSEUMS in der Berliner Bülowstraße.

Herr Sauerwald, wie kam es dazu, erstmalig in Europa eine Retrospektive von Martha Cooper, der ikonischen Vertreterin dokumentarischer Fotografie von Graffiti, Style-Writing und Streetart, für das URBAN NATION Museum zu konzipieren? 

Die Entscheidung war im Grunde naheliegend, denn das URBAN NATION Museum ist über verschiedene Projekte schon länger an Martha Cooper als wichtige Person der Dokumentation von Graffiti, Style-Writing und Streetart gebunden. Seit 2014 gab es immer wieder kleinere Projekte. Relativ früh in der Projektgeschichte des URBAN NATION Museums wurde die Schenkung und Dauerleihgabe eines Buchbestandes aus der Sammlung Martha Coopers angebahnt, die durch Kunstwerke und weitere Gegenstände von Martha Cooper ergänzt wurde.

Das URBAN NATION Museum ist seit der Übergabe dieses Bestandes bemüht, die Sammlung in Form einer Bibliothek langfristig für eine öffentliche Nutzung verfügbar zu machen. Grund ist die Relevanz Martha Coopers als erste große Dokumentaristin dieser ephemeren Kunstform. Als ich letztes Jahr im Oktober an das Haus kam und diese Situation vorfand – und auch im Grund schon die Kommunikation mit den New Yorker Kuratoren Steven P. Harrington und Jaime Rojo vorhanden war –, war es naheliegend, etwas Größeres auf die Beine zu stellen. Ich persönlich habe das Werk von Martha Cooper immer bewundert, es in Teilen in verschiedenen kleineren Ausstellungen gesehen. Zum Beispiel hat Adrian Nabi, der Kurator von Backjumps, einmal den Zyklus „Streetplay“ in einer Kinderausstellung zum Thema Streetart im Kunstraum Kreuzberg Bethanien umgesetzt. Die Martha-Cooper-Fotos haben das Spiel von Kindern auf der Straße in den heruntergekommenen Stadtteilen und Straßenzügen der Lower East Side in den 1970ern dokumentiert. Sie haben aufgezeigt, dass in schwierigen Verhältnissen und Armut aufwachsende Kinder aus ihrer Situation im kreativen Spiel teilweise das Beste gemacht haben. Dass – was man bei Kindern oft beobachten kann, egal wo sie sind oder was sie gerade vorfinden – kreatives Spielen den hässlichsten Hinterhof zum Abenteuerspielplatz machen kann. Und dieser Zyklus hat mich damals sehr angerührt und hat auch ein anderes Licht auf einen anderen Arbeitsbereich der Künstlerin geworfen. Also das war im Grunde genommen ausschlaggebend dafür, auf den vorhandenen Kontakt aufzubauen.

„Es ist ja eine Szene, die unter dem Begriff ‚each one teach one‘ sehr stark den Austausch und die Vernetzung, gegenseitigen Respekt und Kollaboration pflegt.“

Each one teach one

Kann man die Martha-Cooper-Retrospektive als Dokumentarausstellung sehen?

Ja und Nein. Die Retrospektive ist die erste ihrer Art und Größe zum fotografischen Werk Martha Coopers. Das ist uns besonders wichtig. Wir zeigen eben nicht nur den bekanntesten Zyklus „Subway Art“, mit dem Martha Cooper und der Fotograf und Mitherausgeber Henry Chalfant letztendlich weltberühmt geworden sind. Wir zeigen – das ist auch eine starke Seite der Ausstellung – eine Fülle an Dokumentationsmaterial aus der Entstehung der Graffiti-Bewegung. Darüber hinaus zeigen wir in einem Kapitel der Ausstellung, das wir „Remixed“ nennen, das künstlerischen Umfeld Martha Coopers, und machen mit künstlerischen Werken nachvollziehbar, welche KünstlerInnen für sie welche Bilder gemalt, gespendet, gestiftet, ihr gewidmet haben. Es ist ja eine Szene, die unter dem Begriff „each one teach one“ sehr stark den Austausch und die Vernetzung, gegenseitigen Respekt und Kollaboration pflegt. Es gibt hier also weniger einzelne Künstler-Karrieren als im regulären Kunstbetrieb und Kunstmarkt. Man arbeitet gemeinsam in Crews, man tauscht sich aus, man arbeitet immer wieder temporär zusammen. Aus diesem Zusammenhang heraus zeigen wir viele spannende Zeitdokumente. Wir machen diese Ausstellung in Teilen zu einer Gruppenausstellung und einer des künstlerischen Umfeldes der Dokumentaristin Martha Cooper.

„Wir zeigen hier auch den Dummy von ‚Subway Art‘, also das erste Exemplar, das Martha Cooper zusammen mit Henry Chalfant erstellt hat. Das erste Buch über die Graffiti-Szene der 1970er Jahre.“

Wie wichtig sind für eine Retrospektive dieser Größenordnung bisher unveröffentlichte Exponate und Fotografien?

Ein wichtiges Element der Ausstellung ist der biographische Teil, in dem wir beispielsweise anhand einer Zeitliste auf die einzelnen Ereignisse im Leben Martha Coopers eingehen – aber eben nicht nur in Form einer schriftlichen Darstellung an der Wand, wie es in anderen Ausstellungen oft zu sehen ist. Wir haben in engem Austausch mit Martha Cooper eine fotografische Zeitleiste entwickelt, die eine schöne mediale Übersetzung dieser Informationen darstellt. Wir präsentieren Teile des Fotoarchives von Martha Cooper, das die BesucherInnen mit iPads selbst durchblättern können. Wir zeigen eine Auswahl von Black Books von Martha Cooper. Das Black Book ist ein Kommunikationsmodul in der Szene. KünstlerInnen tauschen sich aus und schreiben, malen skizzieren und hinterlassen Signaturen in den Black Books der anderen. Die Black Books von Martha Cooper sind natürlich sehr spannend und enthalten Arbeiten von Keith Haring bis Os Gêmeos. Das erschließt für die BesucherInnen das künstlerische Netzwerk, in dem sich Martha Cooper bewegt und erschließt auch die Bedeutung dieser kommunikativen Plattformen in diesem Zusammenhang. Hier handelt es sich um Material, das bisher nicht publiziert wurde, also eine Art semiprivate Publikation. Diese öffentlich zu machen ist ein besonderer Moment. Zumal wir diese Black Books nicht nur auf einer aufgeschlagenen Seite präsentieren, sondern in Form eines Archives, so dass die BesucherInnen diese durchblättern können. Wir zeigen hier auch den Dummy von „Subway Art“ also ein Mockup des Buches, das Martha Cooper zusammen mit Henry Chalfant erstellt hat. Das erste Buch über die Graffiti-Szene der 1970er Jahre und deren sogenannte „Bibel“.

„Dieser ethnologische Blick auf eine künstlerische Bewegung, die aus einer Subkultur entstanden ist, aber heute natürlich viel heterogener ist, viele Spielformen entwickelt hat und international stattfindet, hat sie zu einer Reisenden gemacht.“

Streetart und Muralismus

Martha Cooper
Lower East Side, Manhattan, NYC, 1978 photo
© Martha Cooper

Warum liegt beim kurativen Element der Martha-Cooper-Retrospektive ein besonderer Fokus auf ihren Reisen und Freundschaften mit internationalen Künstlerlnnen?

Ich finde es spannend, die fotografische Geste zu beschreiben, mit der Martha Cooper ihre Subjekte vor der Kamera abbildet. Diese Geste ist die einer Fotografin, die sich in ihrer Arbeit immer als reine Dokumentaristin gesehen hat, also stark im Hintergrund agiert, um den Augenblick einzufangen. Nichts ist inszeniert. Als Fotografin, die sich für die Streetart und den Muralismus interessiert, interessiert sie sich für den Prozess der künstlerischen Arbeit, den sie dokumentiert. Es geht ihr stark um den Moment der kreativen Ausübung und um das Einfangen der Energie dieses Momentes. Dieses Interesse hat sie zu einer internationalen Nomadin gemacht. Im Hintergrund schwingen immer der Blick und das Interesse der Ethnologin mit, die sie ja von Haus aus ist. Dieser ethnologische Blick auf eine internationale künstlerische Bewegung hat sie zu einer Reisenden gemacht. Und das dokumentieren wir eben auch in dieser Ausstellung.

Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach das Thema KünstlerInnen-Netzwerke aus heutiger Sicht und insbesondere für Graffiti- und Streetart?

Ich bin der Auffassung, dass in diesem Bereich die künstlerische Zusammenarbeit, die in anderen Feldern natürlich auch stattfindet, stärker ausgeprägt ist. Die Leute arbeiten oft gemeinsam auf der Straße und entwickeln gemeinsame künstlerische Praxen. Es geht um den Austausch auf ganz praktischer Ebene. Dieses kollaborative Element ist in dieser Spontanität und in dieser Art im Feld der zeitgenössischen Kunst einzigartig. Das ist das Prägnante an dieser Szene, der Wunsch sich auszutauschen, sich aber auch aneinander zu messen.

„Dieser Art von Fotografie liegt ein zutiefst humanistischer und durch ihren ethnologischen Hintergrund geprägter Blick zugrunde.“

Was kann die Präsentation der privaten Kunstsammlung Martha Coopers und ihrer persönlichen Sammelleidenschaft von z.B. Kodak-Taschen, Skizzenheften und Kinderspielzeug zum Verständnis ihres Werkes beitragen?

Ihre private Sammlung beruht auf Werken, die ihr von anderen KünstlerInnen gewidmet worden sind. KünstlerInnen, mit denen sie zu tun hatte, weil sie deren Arbeiten dokumentiert hat.

Der privaten Sammelleidenschaft von Alltagsgegenständen haben wir ein kleines Kapitel der Ausstellung gewidmet, weil diese exemplarisch für Coopers Herangehensweise als Fotografin ist. Beispielsweise die SIM-Karten-Sammlung, die sie angelegt hat, weil sie einfach weltweit unterwegs ist. Sie archiviert mit den kleinen Plastikkarten als Nachweis gewissermaßen ihre Reiseleidenschaft. Coopers Sammlung von Kinderspielzeug, das von Kindern selbst hergestellt wurde, dokumentiert ihr Interesse für das Spiel von Kindern und erneut den Moment der kreativen Handlung. In den1970ern, als sie noch als Fotografin für die New York Post arbeitete, musste nach den Aufträgen aufgrund der analogen Technik oft noch der Film gefüllt werden. Diese nutzte sie, um Kinder in der Lower East Side beim Spielen zu dokumentieren. Über diese Kinder hat sie im Grunde die ersten Kontakte in die Graffiti-Szene bekommen, weil HE3, ein junger Style-Writer dabei war. Sie interessiert sich immer für den Menschen hinter der Abbildung. Und das ist vielleicht eine Kernaussage über die Fotografin Martha Cooper: Sie interessiert sich für ihre ProtagonistInnen. Sie ist eine Stand-up-Fotografin, im Zentrum steht das Festhalten des Augenblicks, da ist nichts inszeniert. Weiterhin könnte man ihren Ansatz mit dem der Streetphotography beschreiben, ihr Interesse gilt also ihrer Alltagswelt und Umgebung. Dieser Art von Fotografie liegt ein zutiefst humanistischer und durch ihren ethnologischen Hintergrund geprägter Blick zugrunde.

„Martha Remixed“

In der Abteilung „Martha Remixed“ werden Arbeiten von 35 KünstlerInnen gezeigt, die Coopers Fotografien neu interpretiert haben. Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach die Komponente des Blicks zurück auf die Vergangenheit?

Wir stellen in der Ausstellung immer den Zusammenhang zwischen dem Originalfoto und der Interpretation, dem sogenannten Remix her. Das hat auch eine historische Komponente, zu sehen, welcher Künstler sich wie an welches Bild angenähert hat. Das erzählt viel über die Künstler und ihre Blickwinkel auf das fotografische Werk von Martha Cooper.

„Weiterhin liegt ein Fokus auf den KünstlerInnen, mit denen wir in Projekten und Ausstellungen zusammenarbeiten. In der Martha Cooper Library wird dies sichtbar, indem künstlerische Publikationen verfügbar gemacht werden – es handelt sich gewissermaßen um ein Archiv, einen Handapparat unserer Arbeit.“

Martha Cooper
Jan Sauerwald über die Bedeutung der neuen Martha Cooper Präsenzbibliothek, die im Rahmen der Retrospektive eröffnet wird.

Die Martha Cooper Library wird im Rahmen der Retrospektive als Präsenzbibliothek eröffnet. Welche Bedeutung hat die Dokumentation von Urban Art als einer Kunstform, die durch sich verändernde Städte nur temporär sichtbar ist?

Eine zentrale Bedeutung. Das ist auch allen bewusst, die mit dieser Kunstform zu tun haben. Es gibt unzählige Archive allein in Berlin, die von Menschen, die ganz privat Fotos von Graffitis sammeln und diese bereitstellen, betrieben werden. Man kann diese nutzen und dort beispielsweise Fotos von S-Bahn-Zügen sichten, um herauszufinden, was 1990 gesprüht wurde. Wir haben im Grunde genommen ja die Situation: Da ist der Zug, der fährt – und das Intervall, bis er gebufft wird, ihn jemand überstreicht, ist relativ kurz. Alles, was im öffentlichen Raum passiert, kann immer überstrichen, also ausgelöscht werden. Deswegen ist die Dokumentation von zentralem Interesse und man kann anhand dieser später ganze Generationen von Künstler-Zyklen nachvollziehen. Die Martha Cooper Library nimmt sich unter anderem Publikationen an, die Graffiti in Berlin dokumentieren. Die Martha Cooper Library ist eine Bibliothek, die in bestimmten Teilbereichen Sammelbestände anlegt, die so nicht in anderen Bibliotheken vorhanden sind. Martha Cooper ist dabei die Namensgeberin und sicherlich zentrale Figur innerhalb des Bestandes der Bibliothek, wir versuchen alles, was von ihr und über sie publiziert worden ist, bereitzustellen. Es geht aber auch darum, den Bestand der Bibliothek in verschiedene Richtungen zu erweitern. Im zentralen Fokus steht dabei immer Berlin. Ein Thema ist zum Beispiel die Berliner Mauer als Ort von Mauerkunst. Weiterhin liegt ein Fokus auf den KünstlerInnen, mit denen wir in Projekten und Ausstellungen zusammenarbeiten. In der Martha Cooper Library wird dies sichtbar, indem künstlerische Publikationen verfügbar gemacht werden – es handelt sich gewissermaßen um ein Archiv, einen Handapparat unserer Arbeit.

Martha Cooper
180th Street platform, Bronx, NYC 1980 photo © Martha Cooper

Das URBAN NATION Museum versteht sich auch als Chronist kulturellen Erbes? Wie wird das bei der Martha-Cooper-Retrospektive umgesetzt?

Die Auswahl der gezeigten Arbeiten orientiert sich stark an den Publikationen, die Martha Cooper herausgegeben hat. Nach diesen Werkblöcken ist die Ausstellung geordnet. Zu den meisten fotografischen Zyklen hat Martha Cooper versucht, ein Buch zu machen. Manchmal hat es zwanzig oder dreißig Jahre gedauert, z. B. bei dem Buch „Tokyo Tattoo“, einer intimen Auseinandersetzung mit der traditionellen japanischen Tätowier-Kunst. Die Fotos sind in den 1970er Jahren entstanden und wurden erst in den 2000er Jahren in Form eines Buches publiziert.

Und zum Schluss, was ist Ihr persönliches Highlight der Retrospektive?

Mein persönliches Highlight sind unter anderem die Black Books. Diese stellen für mich in Ihrer Substanz eine wahnsinnig spannende Plattform dar. Spannend, weil diese Medien des künstlerischen Austausches so viel repräsentieren, wie z. B. die Do-it-Yourself Elemente, die künstlerische Vernetzung, das künstlerische Miteinander-Kommunizieren, es sind einfach Kommunikationsmedien. Ich finde es sehr spannend, hier Einblicke zu ermöglichen und die KünstlerInnen sichtbar zu machen, mit denen Martha Cooper im Austausch stand und steht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Titelbild: Skeme, Bronx, NYC, 1982 photo © Martha Cooper

Photos Jan Sauerwald © Maren Schulz

Photo Infobox: Martha Cooper © Nika Kramer