Nachhaltigkeit als Chance

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Meine Arbeit bei der Gewobag: Maria Blume ist gebürtige Berlinerin. Seit über zwei Jahren ist die studierte Betriebswirtin bei der Gewobag als Nachhaltigkeitsbeauftragte aktiv. Eigentlich war es ein Zufall, dass Maria Blume bei ihrem Studium in dem Seminar zur strategischen Unternehmensführung auf das Thema Nachhaltigkeit und CSR (Corporate Social Responsibility / unternehmerische Verantwortung) stieß. Doch seitdem hat sie das verantwortungsvolle Handeln im wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Kontext beruflich und privat nicht mehr losgelassen. Die zentrale Aufgabe der Gewobag, bezahlbaren Wohnraum für breite Schichten der Bevölkerung zu schaffen, in der Gründungssatzung seit über 100 Jahren verankert, ist einer der ausschlaggebenden Aspekte, den Maria Blume anführt, wenn sie die Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit für das Unternehmen erläutert.


Im elften Stock ihres Büros im Spreebogen treffen wir Maria Blume. Der Weitblick über Berlin, den Maria Blume von ihrem Schreibtisch aus hat, ist beeindruckend. Die Spree schlängelt sich vor dem S-Bahnhof Bellevue in Richtung Tiergarten und Brandenburger Tor. Maria Blume schätzt diesen Weitblick über ihre Heimatstadt Berlin sehr, erzählt sie uns. Uns hat interessiert, wie Nachhaltigkeit bei der Gewobag gelebt wird, warum große Ziele bedeutend sind und die kleinen Schritte wichtig und welche Bedeutung die Zertifizierung mit dem Label „Sustainable Housing“ für den Finanzmarkt und dessen Nachhaltigkeitsaspekte hat.

Was kann man sich unter der Tätigkeit der Nachhaltigkeitsbeauftragten bei der Gewobag vorstellen?

Die ist sehr, sehr vielfältig! Ich würde meine Arbeit als Berufung beschreiben. Sehr oft bin ich im Austausch mit den unterschiedlichsten AkteurInnen innerhalb der Gewobag, aber auch auf politischer Ebene und auf Verbandsebene. Die Arbeit beinhaltet sehr viel Netzwerken mit Nachhaltigkeits-Verantwortlichen aus der Wohnungswirtschaft, aber auch mit branchenfremden Unternehmen und Institutionen. Man bekommt dadurch gute Einblicke und Anregungen. Dabei ist hilfreich, dass die GesprächspartnerInnen beim Thema Nachhaltigkeit meist sehr offen über Erfolge, Fortschritte und Herausforderungen reden. Nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber. Auch wir kommunizieren regelmäßig: Seit der Einführung des Nachhaltigkeits-Managements bei der Gewobag im Jahr 2018 wurde ein konkretes Programm mit Zielen und Maßnahmen definiert und im Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht. Dabei zeigen wir auf, wie wir stetig besser werden und stellen dar, wie wir die nachhaltige Entwicklung des Unternehmens, der Stadt und ihrer BewohnerInnen positiv beeinflussen können und wollen. Unser Gewobag Nachhaltigkeitsbericht 2019 erscheint in diesem Sommer.

Maria Blume, Nachhaltigkeitsbeauftragte bei der Gewobag
Themen wie die Erarbeitung einer zukunftsweisenden Klimastrategie bis 2050 oder Mobilitätskonzepte stehen auf dem Programm der Gewobag Nachhaltigkeitsagenda.

Welche Projekte gehören u. a. zur Nachhaltigkeitsagenda der Gewobag?

Hier unterscheiden wir immer nach den drei Dimensionen der Nachhaltigkeit. Zur Wirtschaft zählen Neubau- und Modernisierungsprojekte, das Thema Digitalisierung sowie Sustainable Finance (Nachhaltigkeit im Finanzwesen). Dazu gehört auch das europäische Label „Sustainable Housing“, welches die Gewobag im Herbst 2019 erhalten hat.

Im sozialen Bereich sind es vor allem das Engagement in den Kiezen, in Zeiten von Corona natürlich auch in digitaler Form, und die Förderung ehrenamtlichen Engagements.

Für die Dimension Umwelt stehen Themen wie die Erarbeitung einer zukunftsweisenden Klimastrategie bis 2050, Artenvielfalt/Biodiversität oder Mobilitätskonzepte auf dem Programm. 

Warum wurde das Label „Sustainable Housing“ ins Leben gerufen?

In der Nachhaltigkeitsdimension Wirtschaft geht es um eine verantwortungsvolle Unternehmensführung. Vor zwei Jahren haben wir dazu u. a. ein Projekt im Finanzbereich der Gewobag gestartet und ein Sustainable Finance Team gegründet.

Das Label ist aufgrund des wachsenden Interesses der europäischen Finanzwirtschaft amThema Nachhaltigkeit durch den Verband European Federation for Living (EFL) und Ritterwald Consulting ins Leben gerufen worden. In der EFL engagieren sich die Mitglieder in zahlreichen Projekten und entwickeln dabei gemeinsame Instrumente und Dienstleistungen. Die Gewobag ist seit Langem EFL-Mitglied und in verschiedensten Arbeitsgruppen aktiv.

Wofür stehen das Label und der Zertifizierungsprozess dahinter?

Wir gehen mit der Zeit und setzen uns im Zertifizierungsprozess nicht ausschließlich mit „harten“ Finanzkennzahlen auseinander, nach denen Unternehmen in der Vergangenheit immer bewertet wurden, sondern wir zeigen potentiellen Banken und InvestorInnen vorausschauend, wie nachhaltig Wohnungsbaugesellschaften wie die Gewobag agieren. Welchen Mehrwert können Unternehmen der Gesellschaft bringen, vor allem im ökologischen und sozialen Sinn? InvestorInnen hinterfragen dies immer mehr und investieren weniger in Risikobranchen, die beispielsweise ethischen Grundsätzen widersprechen (Tabak, Alkohol) oder klimaschädlich sind (Kohleindustrie). Da am Finanzmarkt, gerade auch in Zeiten der Corona-Pandemie, reges Interesse an Unternehmen besteht, die Nachhaltigkeit in ihrer Unternehmensidentität klar verankert haben, wird Transparenz gegenüber der Nachhaltigkeits-Aktivitäten erwartet. Unternehmen, die dies berücksichtigen, werden als zukunftsfähiger und weniger risikohaft eingestuft. Wir wollen mit dem Label und der Zertifizierung Transparenz herstellen.

Was bedeutet eigentlich Sustainable Finance?

Sustainable Finance, ich würde es eher Nachhaltigkeit im Finanzwesen nennen, bedeutet, dass InvestorInnen Umwelt-, soziale und Unternehmensführungsaspekte in ihre Entscheidung, ob sie in ein Unternehmen investieren, einbeziehen. Hier gibt es unterschiedliche Einflüsse: Aktuell liegt der Fokus auf der Bekämpfung des Klimawandels. Auch damit beschäftigt sich die Gewobag ganz explizit und erstellt aktuell eine Klimastrategie bis in das Jahr 2050 mit wegweisenden Zielen und Maßnahmen. Zukünftig sehe ich den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen in Verbindung mit der Kreislaufwirtschaft ganz oben auf der Nachhaltigkeitsagenda. Die Anzeichen dafür sehen wir aktuell im EU Green Deal und der EU-Taxonomie, wo beispielsweise Recycling- und Wiederverwendungsquoten für Bauabfälle aufgenommen wurden.

Aber natürlich hat Nachhaltigkeit im Finanzsystem auch Auswirkungen auf die EndverbraucherInnen. Die Bankenaufsicht muss sicherstellen, dass Nachhaltigkeitsrisiken, inklusive Klimarisiken und Risiken aus dem Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaft, von allen Finanzinstituten in angemessener Weise berücksichtigt werden. Das bedeutet in der Praxis, dass ab Ende diesen Jahres Banken und Sparkassen ihre KundInnen bei Anlageprodukten über Nachhaltigkeitskriterien informieren müssen.

Das ist eine Entwicklung, die ich mir vor zehn Jahren nicht hätte vorstellen können. Damals bei meinem BWL-Studium war Nachhaltigkeit noch ein Nischenthema und nur die DAX-Konzerne beschäftigten sich meist intensiv damit. Mit FinanzwirtInnen ist man kaum zu diesen Themen ins Gespräch gekommen.

Warum ist es von Bedeutung, dass soziale, ökologische und ökonomische Parameter im sozialen Wohnungsbau gemessen werden können?

Generell gilt es, die drei Dimensionen Wirtschaft, Soziales und Umwelt bestmöglich in Einklang zu bringen. Das ist nicht immer einfach und stellt uns oft vor Herausforderungen. Hier gibt es viele Zielkonflikte. Daher überprüfen wir stetig auch über Kennzahlen und Indikatoren, ob bei Projekten nicht die eine Dimension die andere aushebelt. Im Nachhaltigkeits-Management analysieren wir, wie wir das Gleichgewicht bei den ständig steigenden Anforderungen an Unternehmen halten können.

Welche Kriterien werden bei der Zertifizierung mit dem Label „Sustainable Housing“ herangezogen?

In der sozialen Dimension werden u. a. bezahlbarer Wohnraum (das Mietniveau unter dem ortsüblichen Marktdurchschnitt), das Ermöglichen der aktiven Teilhabe der eigenen MieterInnen sowie die Förderung von sozialen Angeboten betrachtet. Die ökologische Dimension beinhaltet u. a. die Reduktion von CO2-Emissionen, die Installation von erneuerbaren oder alternativen Energiequellen, Modernisierungs- und Neubauprogramme und die Förderung von nachhaltig ökologischen Lebensräumen.

Wozu braucht man ein Nachhaltigkeits-Label in der Wohnungswirtschaft?

Es gibt bereits Branchenstandards auf Ebene von Gebäuden und Quartieren. In Deutschland ist der bekannteste die Zertifizierung nach DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen). Die Gewobag hat hier beispielsweise für das Neubauprojekt WATERKANT Berlin das Vorzertifikat in Platin erhalten. Was bisher aber fehlte, war ein Nachweis auf Ebene der Gesamtunternehmensperformance in der Wohnungswirtschaft. Diese Lücke haben wir mit dem Label „Sustainable Housing“ geschlossen.

Rendering des Bauprojektes WATERKANT Berlin
Mit dem Projekt WATERKANT Berlin wurde die Gewobag deutschlandweit mit dem ersten Quartier einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft nach DGNB – Kriterien für seine Nachhaltigkeit vorzertifiziert.

Steht das Label bei zukünftigen Finanzierungen als qualitatives Gütesiegel, um nachhaltigen Wohnungsbau intensiver zu fördern?

Das ist das Ziel! Aus meiner Sicht ist das der Fall, es sollte aber noch bekannter werden. Dafür setzen wir uns ein.

Ist die Zertifizierung ausschließlich für den sozialen Wohnungsbau gedacht?

Nein, sie ist für jedes Unternehmen der Wohnungswirtschaft offen. Größe und Unternehmensform spielen keine Rolle.

Welche Auswirkungen können die Kriterien der Zertifizierung für das Label auf die MieterInnen haben?

Ich würde sagen, MieterInnen können sicher sein, dass die Gewobag zukunftsorientiert handelt und das Thema Nachhaltigkeit als eine große Chance sieht. Die MieterInnen und MietinteressentInnen profitieren indirekt von Vorteilen, da Banken und InvestorInnen für die Finanzierung von Neubauvorhaben und Modernisierungsprojekten gern in unser Geschäftsmodell investieren. Wir sind erfolgreich, haben langfristige Strategien geschaffen und das spiegelt sich in unseren Konditionen mit Banken und InvestorInnen wider.

Maria Blume, Nachhaltigkeitsbeauftragte bei der Gewobag
Neben dem Abteilungsleiter für Finanzierung Martien Post und der Referentin aus dem Bereich Finanz-Service Julia Pecat gehört die Nachhaltigkeitsbeauftragte Maria Blume mit zu den ExpertInnen des Sustainable Finance Teams der Gewobag.

Was sind die Ziele der Gewobag in Bezug auf Nachhaltigkeit für 2020?

Wir entwickeln uns stetig weiter! 2020 wollen wir uns auf strategische Projekte konzentrieren, die eine besonders große Wirkung auf die Nachhaltigkeits-Dimensionen Wirtschaft, Soziales und Umwelt haben: Artenvielfalt/Biodiversität, eine konzernweite Klimastrategie 2050, die Erweiterung von digitalen Angeboten oder auch Nachhaltigkeit in der Beschaffung. 2018 haben wir dazu ein Team in Form des Gewobag Nachhaltigkeits-Ausschusses gegründet. Hier arbeiten wir Hand in Hand bereichs- und abteilungsübergreifend sehr gut zusammen.

Lunchbox aus Metall
Auch die kleinen Schritte zählen: Lunchboxen, Glashalme oder Obst- und Gemüsebeutel aus Biobaumwolle für die Gewobag MitarbeiterInnen anlässlich der „Deutschen Aktionstage Nachhaltigkeit“.

Glauben Sie, dass jeder Schritt zählt?

Definitiv! Es ist immer wichtig, sich schrittweise zu verbessern. Wir wollen konzernweit und vorausschauend die Themen angehen, daher beobachten wir sehr genau, was sich auf der Nachhaltigkeitsagenda bewegt. Aber auch die kleinen Schritte zählen, so haben wir z. B. bei unseren Gewobag Publikationen und dem Druckerpapier im Spreebogen komplett auf Recyclingpapier umgestellt oder auch zu den „Deutschen Aktionstagen Nachhaltigkeit“ Lunchboxen, Glashalme sowie Obst- und Gemüsebeutel aus Biobaumwolle an MitarbeiterInnen verteilt. Mit dieser Aktion haben wir im Spreebogen auf die Aktivitäten des Nachhaltigkeits-Managements aufmerksam gemacht und wollen mit der Ausgabe der nachhaltigen Give-aways eine Reduzierung von Kunststoffabfällen im Spreebogen möglich machen. Die Aktion wurde sehr gut angenommen, im September 2020 planen wir die nächste.

Was bedeutet Ihnen Ihr Beruf, die Tatsache, etwas bewirken zu können?

Das bedeutet mir sehr viel. Das ist mein Ansporn, jeden Tag, und deshalb habe ich mich vor zehn Jahren entschieden, eine Tätigkeit als Nachhaltigkeits-Verantwortliche aufzunehmen. Ich werde dies vermutlich bis zur Rente tun! Ich kann mir nichts Besseres vorstellen! Gerade in einem Unternehmen wie der Gewobag, wo der Thematik viel Raum gegeben wird.

Und wie sieht das Thema Nachhaltigkeit bei Ihnen privat aus? 

Sehr vielfältig. Wir planen beispielsweise unsere eigenen vier Wände – und erneuerbare Energien in Form einer Solaranlage inkl. Batteriespeicher für alle Verbraucher im Haushalt und das Laden eines E-Fahrzeuges spielen dabei eine wichtige Rolle. Außerdem nutze ich aktuell in meiner Mietwohnung einen zertifizierten Ökostromtarif und lege sehr viel Wert auf Naturkosmetik ohne Kunststoffverpackungen. Oft ganz nach dem Motto DIY (Do it yourself).

Vielen Dank für das Gespräch!

Photos © Maren Schulz