Kind steckt Kopf aus einen Spielwürfel

Offene Familienwohnung: Ein Zuhause für den Kiez

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Weil die erste Offene Familienwohnung in Spandau ein so großer Erfolg war, gibt es seit Ende letzten Jahres schon die zweite. Das Konzept für Kinder-, Jugend- und Sozialarbeit ist dabei bestechend einfach: es bietet allen einen offenen und sicheren Raum, ohne Verpflichtungen, ohne Druck. Das kommt gut an.


Spandau, zwischen Stadtrand und Havel. Hier werden die Häuser weniger, dafür aber immer größer. Sie wachsen in die Höhe und in die Breite. Was hier hingegen kaum noch wächst, ist das Angebot an öffentlichen Orten. Orte, an denen sich Menschen treffen können, zum Austauschen und Spielen, zum Lernen und Verweilen, zum Quatschen und zum Quatschmachen.

Das hat sich am Blasewitzer Ring 50 geändert. In der Hochhaussiedlung mit den bunten Fassaden und den runden Balkonen gibt es seit Dezember 2019 eine Wohnung, in der zwar niemand wirklich wohnt, aber alle zu Hause sind: die bereits zweite Offene Familienwohnung.

Der Schriftzug "Casablanca. Offene Familienwohnung" in bunten Buchstaben an der Wand
Bunte Farben am Eingang und ein vielfältiges Angebot für Kinder und Eltern.

Ein Besuch in der Offenen Familienwohnung

Die Februarsonne steht tief und taucht alles ab der 10. Etage aufwärts in sattes Gold, während auf den schattigen Bürgersteigen Kinder auf dem Heimweg von der Schule sind: Monatskarten baumeln in Plastikhüllen um den Hals, auf Fahrrädern und Rollern sausen sie in die Eingänge der Wohnblöcke.

In der Wohnung im ersten Stock rennen Kids umher, die Wände der Vierzimmerwohnung sind bunt gestrichen, die Regale mit Spielzeug gefüllt. Erwachsene sitzen mit Kaffeetassen am Tisch und unterhalten sich. Mittendrin sitzt Dorthe Kreckel.

Ein Portrait von Dorthe Kreckel, die das Projekt offene Familienwohnung koordiniert.
Dorthe Kreckel, Sozialpädagogin vom Träger casablanca gGmbH.

„Das Bewusstsein dafür, dass hier ein Ort gefehlt hat, an dem sich Menschen treffen können, das war bei allen Beteiligten im Kiez schon lange da“, erinnert sie sich. Sie ist Sozialpädagogin beim Träger Casablanca und koordiniert das Projekt, an dem neben der Gewobag und Casablanca auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, das Jugendamt, das Stadtplanungsamt das Jobcenter und das Quartiersmanagement in Spandau beteiligt sind.

Offene Familienwohnung zur Verbesserung der Lebensqualität

„Jeder der AkteurInnen im Kiez war mit den Problemen der MieterInnen konfrontiert, kannte ihre Sorgen und Nöte“, erklärt Dorthe Kreckel. Oftmals hat das mit der finanziellen Situation zu tun. Viele Spandauer Familien kämpfen mit Arbeitslosigkeit, Armut und daraus resultierend auch Mutlosigkeit. „Ein Kind in die Musikschule oder Vereine zu schicken, für manche Familien ist das hier nicht ohne weiteres machbar. Öffentliche Räume, wo man sich aufhalten kann, ohne etwas zu bezahlen oder an festen Angeboten teilzunehmen, gibt es wenig“, ergänzt Dorthe Kreckel. Schnell wurde klar, hier fehlt was: Ein sicherer und warmherziger Ort für Kinder, Familien und NachbarInnen, ein Ort, der die Lebensqualität von Kindern und Familien in Spandau verbessert.

2016 schlossen sich AkteurInnen und Partnerorganisationen im Kiez zusammen und brachten ein in Deutschland besonderes Pilotprojekt auf den Weg: die erste Offene Familienwohnung. Diese ist auch in Spandau, nur etwa fünf Kilometer entfernt, im Kraepelinweg.

„Kinder rannten uns die Bude ein“

Das Konzept kommt gut an: Rund 400 Kinder und 200 Erwachsene kommen im Monat pro offene Familienwohnung, um die 30 Beratungsanfragen werden monatlich gestellt.

„Bei uns geht es nicht um Kurse und Anmeldungen. Man muss sich hier nicht verpflichten, da zu sein. Wer kommt, kommt. Nichts muss“, erläutert Beate Amler, die wie Dorthe Kreckel bei casablanca arbeitet.

BesucherInnen können hier so sein, wie sie sind. Das Sozialprojekt ist eine „normale“ Wohnung, darum fühlen sich Menschen hier schnell wohl. Es ist ein guter Ausgangspunkt, um gemeinsam rauszufinden, was Familien individuell brauchen, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und Hemmschwellen gegenüber Ämtern abzubauen.

Zwei Mädchen spielen in der offenen Familienwohnung auf dem Boden.
Egal ob Hausaufgaben erledigen oder spielen, die Kinder fühlen sich hier wohl.

„Das Projekt wurde von Anfang an gut angenommen. Erst kamen die Kinder. Sie haben uns die Bude eingerannt. So haben wir dann auch die Eltern kennengelernt und damit auch Stück für Stück die Nachbarschaft“, erzählt Beate Amler weiter.

„Wir sind da, wir sind offen“

Die Angebote der Offenen Familienwohnungen richten sich nach dem Tagesrhythmus von Familien. Beim Kiezfrühstück finden Eltern und NachbarInnen ein offenes Ohr im Gespräch mit anderen. Gleichzeitig können Sie auch die Sozialberatung in Anspruch nehmen. Vormittags stehen Spiel- und Krabbelgruppen für Eltern mit Kindern bis zu 3 Jahren im Angebot. In der offenen Spielzeit am Nachmittag können Kinder ihre Hausaufgaben erledigen, sich aus der Verkleidungskiste bedienen, toben oder einfach chillen.

„Wir sind da. Das ist ja eigentlich auch das Herzstück unserer Angebote, immer wieder den Menschen zu begegnen, auf sie zuzugehen und sie einfach einzuladen, vorbei zu kommen, und vielleicht das zu finden, was sie gerade brauchen können“, erläutert Dorthe Kreckel. Sozialarbeit bedeutet für sie: „Vollkontakt mit anderen Menschen und dem Leben“, und genau das mag sie auch an ihrer Arbeit.

Waffelduft und Stimmgewirr in der Offenen Familienwohnung

Zur Eröffnung der Zweiten Offenen Familienwohnung am Blasewitzer Ring kamen zahlreichen Gäste aus der Nachbarschaft und von Partnerorganisationen. Die Vertreterin des Jungendamts schenkte zur Eröffnung nichts weniger als die ganze Welt in Form eines elektrischen Globus. Er wurde sofort angemacht und leuchtet seitdem.

„Wahnsinn, ick wees ja, wie det davor aussah: nur nackte Wände, nackte Böden“, erinnert sich eine Nachbarin im Hausflur. Jetzt ist es hier lebendig. Jetzt kann auch hier was wachsen.“

Eine Menschengruppe feiert die Einweihung der zweiten offenen Familienwohnung mit Kuchen.
„Eine Süße Überraschung“ zur Eröffnung der zweiten Offenen Familienwohnung: v.l.n.r. Dorthe Kreckel von casablanca, Livia Tiedge eine Nachbarin der Offenen Familienwohnung, Wolfram Tarras, GF Gewobag MB und Heidi Depil, GF casablanca gGmbH.