Silvia von Röhl trägt einen dunklen Karateanzug, sie hockt auf dem Fußboden im Übungsraum ihrer Karateschule und lächelt freundlich.
12. Mai 2022

Kumakan-Karate in Spandau

Die Spandauerin Silvia Freifrau von Röhl hat einen eigenen Kampfkunststil erfunden: Kumakan-Karate mischt den japanischen Okinawa-Stil mit den Kampfsportarten der Shaolin-Mönche in China und Kampfsporttechniken von den Philippinen.


Silvia von Röhl, Karatelehrerin bei Kumakan-Karate in Spandau, trägt einen dunklen Karateanzug. Man sieht sie im Halbporträt. Im Hintergrund sieht man Bücher und Pokale.
Silvia von Röhl betreibt die Karateschule
Kumakan-Karate in Berlin-Spandau.

Sensei Silvia, Meisterin Silvia – so wird Baronin Silvia Freifrau von Röhl hier nur genannt – ist ein bodenständiger Mensch. „Möchten‘s einen Kaffee?“, fragt die Gewobag-Mieterin. Ihr bayerischer Tonfall ist nicht zu überhören.

Sie spricht mit dem selbstbewussten Tonfall einer Frau, die schon immer wusste, was sie wollte. Als Achtjährige war Silvia von Röhl „absolut begeistert“ vom Hollywood-Film Karate Kid: „Mir hat nicht nur das Sportliche gefallen, sondern auch die alltäglichen Tugenden wie innere Ruhe, Geduld und nicht gleich aufzugeben, wenn mal etwas nicht auf Anhieb klappt“, sagt die Karatemeisterin. Ihre Mutter kaufte ihr jedoch Ballettschuhe, wegen ihres krummen Rückens. „Die ziehe ich aber nicht an!“, hatte sie nur gesagt und war in ihren Karateanzug geschlüpft.

Die Großmeisterin unterrichtet Karate für Kinder

Kinder liegen ihr von je her besonders am Herzen. Mit 14 Jahren verdiente Silvia von Röhl ihr erstes eigenes Taschengeld damit, die Kleinen in dem japanischen Kampfsport zu unterrichteten. Mit 16 erlangte sie den Meistergrad und bekam den schwarzen Gürtel. Da wusste sie bereits: Ich will später Karatelehrerin werden.

Um die Eltern zu beruhigen – so ein Berufswunsch ist ja nicht einfach zu vermitteln –, absolvierte sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Den Job legte sie allerdings bald zu den Akten, um Karate zu unterrichten. Mit ihrem Mann Mario, den sie vor 27 Jahren – natürlich beim Kampfsport – kennengelernt hat, reiste sie nach Japan, China und auf die Philippinen, um sich bei den fernöstlichen Meistern weiterzubilden. Heute ist sie weltweit die einzige Frau im Okinawa-Karate, die vom Abt des Shaolin-Tempels in China als herausragende Kampfkünstlerin geehrt und vom Shaolin-Orden anerkannt wurde. „Außerdem wurde sie von ihrem okinawanischen Meister als erste Frau in Europa mit dem Großmeistertitel ‚Renshi‘ ausgezeichnet“, sagt Ehemann Mario und klingt stolz. „Das ist eine ganz besondere Ehre. Dieser Meister war weltweit der einzige, der auch im Namen des japanischen Kaiserhauses diese Ehrung aussprechen durfte.“

Mario und Silvia von Röhl stehen vor dem Schaufenster ihrer Karateschule Kumakan-Karate. Hinter dem Schaufenster stehen zwei Drachenskulpturen. Mario von Röhl trägt eine schwarze Hose und ein hellblaues Hemd. Silvia von Röhl trägt einen Parker über ihrem Karateanzug. Sie stehen nahe beieinander und lächeln.
Mario und Silvia von Röhl vor ihrer Karateschule in Spandau.

Kumakan-Karate: Kampfsport und Selbstverteidigung als Lebensschule

Das Dojo, der Übungsraum, der Kumakan-Karateschule ist ein heller Raum. Auf dem Boden liegen rosafarbene Matten. An den Wänden hängen Porträts alter Karatemeister und anatomische Abbildungen. Im Vordergrund befindet sich eine Art hölzerner Altar, auf dem zwei Klangschalen stehen.
Das Dojo (der Übungsraum) der Kumakan-Karateschule in Spandau.

Seit sechs Jahren leitet Sensei Silvia gemeinsam mit ihrem Mann eine eigene Karateschule in Spandau. Kumakan – so haben Silvia und Mario von Röhl ihren Stil genannt. „Kuma“ heißt Bär, „Kan“ bedeutet großes Haus. „Der Bär passt zu Berlin, außerdem ist er das Wappentier meiner Familie“, sagt Mario von Röhl, der schon lange nicht mehr in seinem bürgerlichen Beruf als Polizist arbeitet. Inzwischen unterrichten beide eine bunt gemischte Truppe – von der 70-jährigen Seniorin über die BWL-Studentin bis zum vierjährigen Kind aus einer Einwandererfamilie. „Alle unsere Schülerinnen und Schüler respektieren die Werte unserer Schule“, sagt die Karatelehrerin, die ihren Kampfsport als Lebensschule sieht.

Davon profitieren vor allem Kinder. „Was bringst du uns heute bei?“ Silvia von Röhl freut sich jedes Mal, wenn sie diese Frage hört. Mit Kindern der Ernst-Ludwig-Heim Grundschule haben die von Röhls Projekte zur Gewaltprävention umgesetzt. Das Miteinander ist nicht immer einfach, wenn Kinder aus vielen Nationen zusammenkommen, die zum Großteil kein Deutsch sprechen.

Leben in Spandau

Silvia und Mario von Röhl wohnen gern in Spandau. Obwohl das Leben im Kiez rauer geworden ist. Manchmal klirren Scheiben, Jugendliche bilden Banden, einige kiffen. „Aber die Menschen in der Nachbarschaft stehen zueinander, man unterstützt sich gegenseitig“, sagt Silvia von Röhl. „Spandau ist anders als alle anderen Stadtteile in Berlin. Grüner.“ Wenn sie mit dem Ridgeback-Mischling Bruno im Hundeauslaufgebiet Hakenfelde spazieren geht, durch den Spektegrünzug läuft oder in Tiefwerder umherschlendert, dann tankt sie Kraft.

Spandau ist einer der abwechslungsreichsten Bezirke der Hauptstadt: Im 13. Jahrhundert wurde Spandau als Festungsstadt gegründet. In der Zitadelle finden regelmäßig Konzerte und andere Veranstaltungen statt. Die Altstadt mit ihren kleinen Gässchen und Geschäften lädt zum Bummeln ein. Vor allem ist Spandau, der westlichste Bezirk Berlins, ein Dorado für WasserfreundInnen. Im glasklaren Wasser der Havel und der Spandauer Seen kommen kleine und große WassersportlerInnen auf ihre Kosten. Der jüngste Stadtteil ist die WATERKANT Berlin am östlichen Ufer der Oberhavel.

Fotos © Ralph Maak