Karsten Mitzinger, Geschäftsführer der Gewobag ED

Speichertechnologien und Zukunft

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Karsten Mitzinger, Geschäftsführer der Gewobag ED Energie- und Dienstleistungsgesellschaft mbH, ist davon überzeugt, dass es aktueller denn je ist, den Ressourcen-Verbrauch von wirtschaftlichen Wachstumsfaktoren zu entkoppeln. Gerade wurde die Gewobag ED, eine der vier Tochtergesellschaften des Wohnungsbauunternehmens, für das Klimaschutz-Pilotprojekt des sektorenkoppelnden Stahlspeichers für erneuerbare Energie mit dem BBU-ZukunftsAward 2020 ausgezeichnet.


Was für Komponenten sind notwendig, um zukunftsweisende Pilotprojekte für den Klimaschutz auf den Weg zu bringen? Wie wichtig sind Synergien und Kooperationspartner? Und warum auch Rückschläge zum Vorankommen gehören? Ein Gespräch über die strategische Ausrichtung des Gewobag Energiedienstleisters.

Warum hat die Gewobag einen eigenen Energiedienstleister?

Die Gewobag hat früh erkannt, dass es sinnvoll ist, die Bereiche Immobilie und Energieversorgung zu verbinden, fachliche Kompetenz im Energiebereich in Verbindung mit wirtschaftlicher Effizienz zu bündeln und somit die Erreichung der Klimaschutzziele des Bundes und des Landes Berlin zu unterstützen. Mit der Entscheidung zur Gründung der ED wurden die Voraussetzungen für eine zukunftsorientierte, sichere, effiziente und preisstabile Wärme- und Energieversorgung geschaffen.

Welche Bedeutung haben Umwelt- und Klimaschutz im Portfolio der Gewobag ED?

Umwelt- und Klimaschutz sind wesentlicher Bestandteil der ED und innerhalb der Gewobag. Zu den strategischen Gewobag-Zielen gehören auch die Themen Klimaschutz und Smart City. Die ED ist dabei wesentlicher Treiber bei der Umsetzung dieses strategischen Akzents.

Seit wann ist die Energiewende bei der Gewobag angekommen?

Ich denke, mit der Entscheidung des Vorstandes zur Gründung einer eigenen Energietochter im Jahr 2013 sind die ersten Schritte zur Verbesserung der energetischen Situation unserer Wärmeversorgung unternommen worden. Schon zum damaligen Zeitpunkt hat sich die Gewobag damit beschäftigt, wie man die Energiewende aktiv gestalten kann. Aus meiner Sicht hat die Gewobag da eine Vorreiterrolle in der Wohnungswirtschaft.

„An uns liegt es, abzuwägen, wie wir die Energieversorgung optimal gestalten können und zum anderen auch wirtschaftlich so, dass sämtliche Energiekosten bezahlbar bleiben. Das ist die Crux, Klimaschutz kostet Geld, das sollte man nicht beschönigen und verschweigen – es muss angesprochen werden dürfen.“

Karsten Mitzinger, Geschäftsführer der Gewobag ED
Karsten Mitzinger, Geschäftsführer der Gewobag ED, der Energietochter der Gewobag, im Gespräch über die aktive Gestaltung der Energiewende.

Warum spielen stabile Kosten der Energieversorgung für den Endverbraucher so eine relevante Rolle?

Kosten sind immer ein relevanter Faktor. Gerade jetzt in der Corona-Krise schauen die Leute noch mehr auf ihr Geld. Grundsätzlich sind stabile Energiekosten natürlich ein wesentlicher Aspekt in der Versorgung und wichtig für die Bürger und Bürgerinnen und Mieter und Mieterinnen der Gewobag. Man darf aber auch nicht vergessen, auch wenn das Thema nicht beliebt ist, wir tätigen Investitionen in innovative Energie- und Versorgungstechnologien unter den Rahmenbedingungen, die uns der Gesetzgeber vorgibt. Investitionen kosten Geld und müssen refinanziert werden. Zum einen wollen die Bürger stabile Energiekosten, zum anderen auch eine sichere und umweltschonende Energieversorgung, welche nur mit modernen Anlagen und effizienter Betriebsweise und Überwachung gelingen kann. An uns liegt es, abzuwägen, wie wir die Energieversorgung optimal gestalten können und zum anderen auch wirtschaftlich so, dass sämtliche Energiekosten bezahlbar bleiben. Das ist die Crux, Klimaschutz kostet Geld, das sollte man nicht beschönigen und verschweigen – es muss angesprochen werden dürfen.

Wie gehen Sie damit um?

Ich denke, wir machen das ganz gut. Wir sind ein Unternehmen mit anderen wirtschaftlichen Zielsetzungen, als es bei anderen Energieversorgern der Fall ist. Das ist aus meiner Sicht ein wesentlicher Vorteil. Und wir haben ein super Team mit guten Leuten, die sich darüber Gedanken machen, wie man die Modernisierung so wirtschaftlich wie möglich gestalten kann.

„Aber das Spannende ist, die Partner zusammenzubringen. Alle haben unterschiedliche strategische Ausrichtungen, unterschiedliche Ziele. Und diese in Einklang zu bringen, macht Spaß. Die Beteiligten davon zu überzeugen, dass es für eine gute Sache ist. Das ist das Schöne an so einem Projekt, die Überzeugungsarbeit zum Umdenken.“

Die Gewobag ED wurde mit dem BBU-ZukunftsAward 2020 für den Stahlspeicher im Tegeler Quartier Bottroper Weg als vorbildliches Klimaschutz-Projekt ausgezeichnet. Das Projekt ist aktuell in der Testphase. Was sind die zu erwartenden Ergebnisse für die nahe Zukunft?

Erst einmal handelt es sich um ein tolles Projekt, das bundesweit Zuspruch findet. Das ist wirklich mal ein Projekt, wo man sagt: Wir gucken über den Tellerrand. Der Stahlspeicher gehört zu den Themen, die sonst nur für die Industrie relevant sind. Jetzt sind wir in der Phase, wo wir die Ergebnisse noch nicht sehen. Der Stahlspeicher in seiner Masse und Klasse ist da und er ist fristgerecht für die sogenannte „Einbrennphase“ vorbereitet, die jetzt beginnt. Danach fängt die eigentliche Testphase an. Dann werden wir genau sehen, ob die Technologie das hergibt, was wir uns vorstellen. Vor allem geht es dann um die Synchronisation mit unseren Wärme- und natürlich auch Stromnetzen. Dann können wir testen, funktioniert A die Technologie und B, was müssen wir den Gesetzgebern noch abverlangen, damit solche Projekte, wenn sie massenkompatibel werden sollen, auch wirtschaftlich sinnvoll sind. Mit den ersten Ergebnissen und Zwischenauswertungen rechnen wir zum Ende des Jahres 2020 und können diese dann reflektieren. Aber das Interessante an dem Projekt ist nicht unbedingt die Technologie allein, sondern wie wir zu so einem Projekt mit den verschiedenen Partnern gekommen sind. Das eine ist die Idee. Ideen haben wir gute und auch noch ein paar in der Schublade. Aber das Spannende ist eben, die Partner zusammenzubringen. Alle haben unterschiedliche strategische Ausrichtungen, unterschiedliche Ziele. Und diese in Einklang zu bringen, macht Spaß. Die Beteiligten davon zu überzeugen, dass es für eine gute Sache ist. Das ist das Schöne an so einem Projekt, die Überzeugungsarbeit zum Umdenken.

Wie viel Entwicklungs- und Pionierarbeit steckt eigentlich hinter so einem Projekt wie dem Stahlspeicher?

Ursprünglich haben wir das Wärmekonzept für den Bottroper Weg in Berlin-Tegel neugestaltet. Wir haben zwei Heizhäuser auf eines reduziert. Und da war schon immer die Frage auch mit dem Partner Vattenfall: Was kann man in diesem Quartier noch weiterentwickeln? Dann kam die Firma Lumenion ins Spiel, die die Idee mit dem Stahlspeicher hatte und auf der Suche nach einem Best-Practice-Model war. Speichertechnologien gehört die Zukunft. Das hat dann gepasst.

Im Erfolg sieht man natürlich nur die schönen Dinge, aber bis dahin war es schon ein aufwendiges Prozedere, die richtigen Partner an den Start zu bringen, das beteiligte Umfeld zu überzeugen, die notwendigen Kapazitäten zu schaffen und finanzielle Budgets zu planen und sicherzustellen. Deshalb möchte ich hier die Gelegenheit nochmal nutzen und mich bei allen Beteiligten in der Gewobag und bei den externen Beteiligten für die tolle Zusammenarbeit bedanken.

„Einfach mal machen. Darum sind Kooperationen auch so wichtig, weil wir das Fahrrad nicht mehrmals erfinden müssen. Es geht um den gegenseitigen Informationsaustausch und Partizipation.“

Warum sind Pilotprojekte wichtig?

Grundsätzlich sind Pilotprojekte wichtig, um Ideen in der Praxis zu testen, um diese dann skalieren zu können oder höhere Fehlinvestitionen zu vermeiden. Aber wir werden natürlich mit Anfragen überhäuft, da wir als Gewobag einen großen Bestand haben. Wenn wir allen Anfragen nachgehen würden, hätten wir ein Sammelsurium an Piloten und keine Strategie mehr. Wir brauchen die richtige Mischung und die richtigen Piloten, um in Praxistests gewisse Themen durchzuspielen. Ein Projekt braucht immer seinen Vorlauf, es muss ordentlich durchdacht werden und kann auch mal schiefgehen. Das gehört dazu. Wir gehen die Themen an, um zu zeigen: machbar oder nicht machbar. Darum sind Kooperationen auch so wichtig, weil wir das Fahrrad nicht mehrmals erfinden müssen. Es geht um den gegenseitigen Informationsaustausch und Partizipation.

An welchen Pilotprojekten für die Zukunft arbeitet die ED aktuell?

Die ED wählt ihre Projekte, auf Grundlage der vorhandenen Kapazitäten sehr sorgfältig und gewissenhaft aus. Man darf Kapazitäten und Mitarbeiter nicht verschleißen. Jede Idee wird intern besprochen und hinsichtlich ihrer Notwendigkeit und Erfolgsaussichten bewertet. Wir werden jetzt versuchen, den Stahlspeicher erfolgreich in Betrieb zu bringen und sehen, welche Effekte diese Technologie hat und welche Anpassungen der Gesetzgeber vornehmen muss, um Speichertechnologien als wichtigen Faktor bei der Umsetzung der Energiewende in der Energiewirtschaft zu etablieren. Dann können wir uns über die nächsten Projekte Gedanken machen, die schon im Hinterkopf bzw. in der Pipeline sind.

Wann fängt für Sie die Zukunft an?

Juliane Werding hat in ihrem Lied „Tränen im Ozean“ eine schöne Textpassage: „Nur weil der Mensch noch hoffen kann, fängt jeden Tag die Zukunft an.“ Ich denke, das trifft es gut. Mit jedem heute begonnenen Projekt, mit jeder Entscheidung, die wir heute treffen, gestalten wir die Zukunft – beruflich und privat.

„Meine Meinung ist da eindeutig und ich sage es immer wieder: Ohne starke und verlässliche Partner sind viele Projekte nicht erfolgreich umsetzbar.“

Wie wichtig sind Partner für die Umsetzung solcher Projekte?

Das ist extrem wichtig, aber man kann es auch nicht erzwingen. Das muss mitunter auch wachsen. Meine Meinung ist da eindeutig und ich sage es immer wieder: Ohne starke und verlässliche Partner sind viele Projekte nicht erfolgreich umsetzbar. Durch die Komplexität der meisten Themen, insbesondere rund um das Thema Smart City, ist eine vertrauensvolle Projektpartnerschaft die Voraussetzung für den Erfolg.

Wie stellen Sie sich die Stadt der Zukunft vor?

Ich denke, die Anforderungen an die Stadt der Zukunft sind vielfältig. Neue Lösungen für die Energieversorgung und die Mobilität sind gefragt. Die Abfallwirtschaft muss bedarfsgerecht und effizient gestaltet werden. Und was zurzeit sicher noch unterschätzt wird, ist das Thema der bedarfsgerechten Trinkwasserversorgung und der sorgsame Umgang mit dieser Ressource. Und es wird in den Städten eine Vernetzung passieren. Daten werden die zentrale Grundlage sein, um die städtische Verwaltung effizient zu gestalten und die Umgebungsintelligenz im öffentlichen Raum und in der eigenen Wohnumgebung zu erhöhen, zum Beispiel zur Integration in ein intelligentes Stromnetz, um gedanklich und beispielhaft in meinem Bereich zu bleiben.

„Stetiges Wirtschaftswachstum mit einem endlichen Verbrauch fossiler Ressourcen ist nicht zukunftsorientiert.“

Wie kann wirtschaftliches Wachstum in Zeiten von Klimaschutz und Energiewende funktionieren?

Das wird ein Kernthema sein und bleiben. Wir müssen Wege aufzeigen, denn nicht das Wachstum an sich ist problematisch, es geht um die Frage, was wächst. Stetiges Wirtschaftswachstum mit einem endlichen Verbrauch fossiler Ressourcen ist nicht zukunftsorientiert. Umweltschutz, Gesundheit, breiterer Zugang zu sauberem Trinkwasser und sauberer Energie sowie klimaschonender Mobilität kann für wachsenden Wohlstand sorgen. Wir müssen das Wirtschaftswachstum vom fossilen Energieverbrauch entkoppeln. Vielleicht sollte man als Lehre aus der Corona-Krise auch darüber nachdenken, Wirtschaftswachstum nicht als alleinigen Maßstab für Wohlstand zu definieren.

Wie wichtig sind Visionen?

Karsten Mitzinger, Geschäftsführer der Gewobag ED
Karsten Mitzinger setzt bei den Projekten der Gewobag ED auf Partnerkooperationen, wie bei der Umsetzung des Pilotprojektes des sektorenkoppelnden Stahlspeichers in der Zusammenarbeit mit Vattenfall Energy Solutions und dem Energiespeicher-Start-up Lumenion.

Ich denke, Visionen sind wichtig, um Denkanstöße zu geben, Teile der Systeme aus ihren festen Strukturen zu bewegen und Neues zu kreieren. Wir müssen weg von dem Gedanken: Ach, das war schon immer so. Der Unternehmer Elon Musk, wenn zum Teil auch umstritten, mit seinen Visionen und seiner konsequenten Art, diese umzusetzen, ist da für mich in unserer heutigen Zeit ein gutes Beispiel. Mit PayPal, Tesla und SpaceX hat er revolutionäre Projekte mehr oder weniger erfolgreich umgesetzt. Alles Themen, wo man vorher dachte, das geht nicht.

… und Rückschläge?

Die gibt es natürlich auch und die gehören dazu. Man muss lernen, damit umzugehen. Man kann nicht immer alles gewinnen und auch nicht immer alles richtig machen. Wie sagte Winston Churchill: „Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.“

Deshalb sage ich immer zu meinem Team: Genießt die schönen Momente und lernt aus den Misserfolgen, das ist die beste Grundlage für die nächsten Projekte.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten …

In den letzten Wochen hat sich doch so einiges relativiert. Ich glaube, in dieser Zeit gibt es da für mich nur einen Wunsch – Gesundheit für uns alle, (wiederkehrende) wirtschaftliche Stabilität und ein baldiges Zurück in eine, mit ziemlicher Sicherheit, neue Normalität.

Vielen Dank für das Gespräch!

Photos © Maren Schulz