Roter Schriftzug "Stadtteilbibliothek" auf grauer Hausfassade
1. Juni 2020

Der Stadtteilbibliothek Haselhorst: „Bibliotheken sind soziale Orte!“

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Berlin-Haselhorst. Ganz weit draußen, sagen die einen. Kenn ich nicht, sagen die anderen. Gelegen im Nordwesten der Stadt, ist der Ortsteil in Spandau geprägt durch Bauten der 30er-Jahre sowie durch nach dem Krieg neuerrichtete Wohnhäuser. Zu Fuß kann man einen schönen Spaziergang am Kanal entlang durch das grüne Haselhorst machen. Dann merkt man: überall Wasser! Haselhorst liegt zwischen Spree, Havel und Spandauer Schifffahrtskanal. Und so weit weg sind die aufregenden Straßen der Hauptstadt nicht: In 20 Minuten kommt man beispielsweise mit Bus und U-Bahn zum Bahnhof Zoologischer Garten.


Aber im idyllischen Haselhorst gibt es auch Probleme: Die soziale Lage ist laut dem „Monitoring Soziale Stadtentwicklung“-Bericht angespannt, es herrschen überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit, Transferbezug und auch Kinderarmut. Es gibt Familien, die können sich nicht einfach mal eben so Dinge leisten wie eine Mitgliedschaft in einem Sportverein. Sie sind angewiesen auf das, was die Stadt kulturell zur Verfügung stellt, wie beispielsweise Stadtteilbibliotheken. Wir haben mit Gudrun Lex, der Bibliotheksleiterin der Stadtteilbibliothek Haselhorst darüber gesprochen, was Bibliotheken zu wichtigen Orten macht – und warum die Stadtteilbibliothek in Haselhorst so gut von den AnwohnerInnen angenommen wird.

Die Leiterin der Stadtteilbibliothek Haselhorst beim Interview.
Gudrun Lex, Bibliotheksleiterin der Stadtteilbibliothek Haselhorst.

Guten Tag, Frau Lex. Wollten Sie schon immer Bibliothekarin werden?  

Nein, das war eher Zufall. Ich wollte immer Lehrerin werden – hätte das auch studieren können. Ich hab’ einen Platz an der Universität in Kiel bekommen, nur hätte ich dafür ein Semester warten müssen. Nach dem Abitur wollte ich aber sofort loslegen … 

… und dann hatten Sie sofort einen Plan B parat? 

Ja, ich hatte mich gleichzeitig auch für einen Ausbildungsplatz zur Bibliothekarin an der Freien Universität Berlin beworben. Diesen Platz habe ich direkt bekommen und dann auch angetreten. Bibliotheken fand ich schon immer interessant – interessant als Ort.  

Was macht Bibliotheken zu einem interessanten Ort? 

Es ist nicht nur ein Ort, an dem man sich fokussieren und konzentrieren kann, es ist auch ein enorm sozialer Ort, hier passiert ganz viel. 

Was zum Beispiel? 

Speziell hier in Haselhorst, wo es nicht sehr viele kostenfreie Angebote für ältere Menschen sowie für Kinder und Jugendliche gibt – da ist so ein Ort enorm wichtig. Hier muss man nichts verzehren, man muss kein Geld in die Hand nehmen – und gerade das Geld sitzt hier nicht so locker. Für Schülerinnen und Schüler bieten wir beispielsweise Hausaufgabenhilfe an. Für alle anderen ist es ein Ort, an dem man sich treffen kann. Ein Ort, an dem man nicht alleine ist.  

Zwei Frauen mit Büchern in der Stadtteilbibliothek Haselhorst.
Das Team der Stadtteilbibliothek Haselhorst besteht aus drei KollegInnen. Gudrun Lex mit ihrer Mitarbeiterin Susanne von Lipinski.

Wie würde Ihre Wunschbibliothek aussehen? 

Ich finde, wir sind auf einem guten Weg. Technisch geht es uns beispielsweise wunderbar, wir arbeiten mit einem interaktiven Smartboard, I-Pads für Schulklassen, Tablets zur Nutzung vor Ort. Der Etat ist momentan angemessen, wir können das zur Verfügung gestellte Geld gut einsetzen. Das war nicht immer so. Aber mehr Platz hätte meine Wunschbibliothek schon, sodass man zum Beispiel auch einen Raum abtrennen könnte für Veranstaltungen oder Leute, die wirklich in Ruhe arbeiten wollen. Das geht in unserer Bibliothek leider nicht.

Wovon hängt der Etat ab? 

In einer Stadtteilbibliothek geht es nicht nur um Buchstaben, auch Zahlen spielen eine große Rolle! Anhand der Jahreszahlen der Besucher und Entleihungen wird der Etat errechnet. Kommen viele, kriegt die Bibliothek mehr Geld zur Verfügung. Und damit kann man dann auch arbeiten und sich ein gutes Angebot für die Besucher überlegen. 

Welches Angebot machen Sie? 

Wir versuchen unterschiedlichen Gruppen ein vielfältiges Angebot zu bieten. Beispielsweise können wir unseren Schwerpunkt, die Sprachförderung, weiter vorantreiben – und Kindern helfen, sich besser auszudrücken. Dafür haben wir verschiedene Angebote, beispielsweise ein Bilderbuchkino in Kombination mit einem dazu passenden interaktiven Memory. Und für Schulklassen organisieren wir Buchvorstellungen selbst oder mit Literaturwissenschaftlern, die Kindern das Lesen und Bücher an sich schmackhaft machen – wir wollen sie für die Welt der Buchstaben begeistern. Das bezahlen wir dann aus dem Etat, der uns auch Spielraum gibt, externe Honorarkräfte zu beauftragen. 

Viele der Kundinnen und Kunden fragen nach Internetnutzung, wir bieten zwei kostenlose Plätze an, jeder kann das Angebot für eine Stunde in Anspruch nehmen, egal ob jung oder alt. Außerdem entscheide ich anhand der Auswertung der Ausleihstatistik, in welche Bestandsgruppen mehr Geld investiert wird – und wo weniger. Ich entscheide, wohin der Etat geht, Beispielsweise wenn wir neue Bücher oder andere Medien bestellen. Neue Computer, Drucker, Druckerpatronen etc. werden zentral über unsere Bezirkszentralbibliothek bestellt.

Regal mit Büchern und einem Kuscheltier in der Stadtteilbibliothek Haselhorst.
Bibliotheken als öffentlicher Raum im Kiez bieten Bildungs- und Kulturangebote.

Auf was muss man als Bibliotheksleiterin noch achten? 

Wir müssen hier auch darauf achten, dass wir die unterschiedlichen Bedürfnisse der Benutzergruppen unter einen Hut bringen. Beispielsweise kommen ein paar Jugendliche und wollen WLAN nutzen und sind ein bisschen lauter – und die anderen wollen lesen. Da muss man dann manchmal vermitteln. 

Muss man denn oft eingreifen?  

Nein. Wir sind nicht die großen Reglementierer. Vieles regelt sich zum Glück alleine, viele haben das nötige Gefühl dafür, wie man sich in einem öffentlichen Raum verhält. Und wenn manche etwas lauter sind, dann ist das nicht böse gemeint. Man kennt das ja selbst auch, wie sich Gruppen verhalten – wenn man zusammen essen geht, da wird man automatisch auch etwas lauter, das gehört dazu. Aber manchmal muss man eben darauf hinweisen: Entschuldigung, ihr wollt euch hier auf den Smartphones gegenseitig Musik vorspielen? Das ist nicht der richtige Ort dafür.  

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf die Bibliotheken aus? 

Enorm – und das ist in Ordnung. Es kann für alle Beteiligten ein großer Gewinn sein, man muss die Neuentwicklungen nur richtig nutzen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn wir hier mit Schulklassen arbeiten, dann können wir ein Buch hochhalten und darüber sprechen, so haben wir das früher immer gemacht. Es ist aber viel besser zu sehen, also viel fesselnder für die Kinder, wenn wir das Buch auf einen Riesenbildschirm projizieren können – damit kann man viel einfacher und besser arbeiten. Wir arbeiten viel mit dem Smartboard und nutzen sehr gern die vielfältigen Möglichkeiten. Die Interaktion ist toll.

Gudrun Lex bedient ein Smartboard.
Digitalisierung und Interaktion gehören zu den modernen Bibliotheksstandards.

Die Besucherzahlen sind an diesem Standort von 2013 bis 2016 gesunken, dann aber rasant gestiegen. Wie kommt das? 

Das hat damit zu tun, dass diese Bibliothek in einer Schule versteckt war. Diese wurde saniert und wir mussten umziehen. Und dann hat der Bezirk es geschafft, dieses leerstehende Gebäude von der Gewobag anzumieten – und das war eine gute Entscheidung. Wir sind jetzt viel sichtbarer, viel leichter erreichbar und barrierefrei. Und unser Team ist sehr gut, wir passen zusammen – das ist sehr wichtig, wenn man eine Bibliothek betreibt. Wir entscheiden, welches Programm wir anbieten. Für Haselhorst überlegt man sich genau, was wird hier gebraucht und abgerufen. Wir haben beispielsweise viele alte Bücher aussortiert, damit man die neuen besser präsentieren kann. Präsentation macht viel aus, das ist ja im Buchhandel nicht anders. Wir hoffen immer, den Geschmack der Leser hier zu treffen.  

Welche Bücher werden hier besonders gerne ausgeliehen? 

Das ist überall gleich, egal ob in Haselhorst oder in Pforzheim, denke ich: Wenn Bücher verfilmt werden, merkt man sehr schnell, dass diese Bücher dann auch in Bibliotheken nachgefragt werden. Bestes Beispiel: Harry Potter, läuft immer noch. Außerdem: alles, was auf der Bestsellerliste steht. Krimis gehen im Allgemeinen sehr gut. Sachbücher werden hingegen etwas weniger gelesen.  

Hinweisschilder zur Orientierung in der Stadtteilbibliothek Haselhorst
Haselhorst ist die kleinste Spandauer Stadtteilbibliothek.

Apropos: Was lesen Sie gerade?  

Ich lese gerade eine Biographie von Hubertus Meyer-Burckhardt, die liest sich schnell weg. Und ich lese ein Sachbuch, „Keim daheim“, das bietet sich gerade so an.  

Muss man gerne lesen, um in einer Bibliothek arbeiten zu können? 

Nein, aber es hindert auch nicht. Dann kann man die Menschen auch besser beraten.  

Was ist Ihre Lieblingsbibliothek auf der ganzen Welt? 

Ach, ich finde unsere Bibliothek ganz toll. Wir sind zwar die kleinste Stadtteilbibliothek in Spandau, aber das hat auch viele Vorteile, denn wir können in einem kleinen Team schnell agieren und Dinge auf den Weg bringen. Ich mag es hier sehr. Das ist meine Lieblingsbibliothek. Ich mag die Haselhorster sehr gerne.  

Womit haben Sie Ihr erstes Geld verdient? 

Regale auffüllen bei Meyer.  


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