Veranstaltungstipp: Die Ausstellung im Märkischen Museum

Tipp: Chaos & Aufbruch – „Wie kann Großstadt gelingen?“

Berlin, 1920: Gewissermaßen über Nacht entsteht das moderne Berlin und wird zur drittgrößten Metropole weltweit. In der Sonderausstellung „Chaos & Aufbruch – Berlin 1920|2020“ werden im Märkischen Museum geschichtliche und aktuelle Lebenswirklichkeiten der Berlinerinnen und Berliner einander gegenübergestellt.


Der Gang durch die Ausstellung gleicht einer Entdeckungsreise, bei der mit lokalen Nahaufnahmen die große Vielfalt Berlins aus den verschiedenen Bezirken abgebildet wird: Was unterscheidet das Berlin von heute von dem vor 100 Jahren? Was hat es mit dem Groß-Berlin-Gesetz auf sich? Wie können wir in Zukunft in dieser Stadt leben? Wohnen, Verkehr, Erholung, Verwaltung oder die Anbindung an das Umland, aber auch Identität sind die wichtigen Themen von damals und heute, die im Fokus der Ausstellung stehen.

„Chaos & Aufbruch – Berlin 1920|2020“ ist die zentrale Ausstellung des Kooperationsprojekts Großes B – dreizehnmal Stadt des Stadtmuseums Berlin mit den zwölf Berliner Bezirksmuseen. Begleitet wird sie von einem umfangreichen Programm und dem Online-Portal 1000x.berlin mit Fotografien und Biografien aus einhundert Jahren „Groß-Berlin“.

Der Historiker Gernot Schaulinski, Kurator der Ausstellung, stand uns für ein Interview zur Verfügung. Zusammen mit partizipativen Teilprojekten spiegelt er auf zwei Etagen des Märkischen Museums die Vergangenheit und Gegenwart Berlins in den Themenfeldern Wohnen, Verkehr, Verwaltung, Umland, Grünfrage und Mentalität.

Der Kurator der Ausstellung
Gernot Schaulinski, studierter Historiker, ist an verschiedenen Ausstellungsprojekten und Fernsehproduktionen zu Themen der Zeitgeschichte und Stadtforschung beteiligt. Im Stadtmuseum waren bisher die von ihm konzipierten Projekte „Berlin 1937 – Im Schatten von morgen“ (2017) und „Berlin 18/19 – Das lange Leben der Novemberrevolution“ (2018) zu sehen. ©Stadtmuseum Berlin; Foto Michael Setzpfandt

Herr Schaulinski, welche Erkenntnisse haben Sie aus der Recherche für die Ausstellung mitgenommen?

Was ich aus der Auseinandersetzung mit der Geschichte von Groß-Berlin mitgenommen habe ist vor allem der Blick darauf, wie sich die Strukturen von Bezirken und Zentralverwaltung entwickelt haben. In extrem schwierigen Zeiten mit leeren Kassen, Massenarbeitslosigkeit, den Kriegsfolgen hat die Politik in kurzer Zeit den Dreh hinbekommen.

An der Gründung Groß-Berlins ist ersichtlich, was für Potential und Kräfte damals schlummerten, als bestimmte Stellschrauben in den Bereichen Verwaltung, Wohnen und Verkehr anders gedreht wurden. Ich glaube, das mitzunehmen und dadurch optimistischer auf die Gegenwart zu schauen, ist sehr anregend und inspirierend. Berlin war und ist eine Stadt der Veränderung.

Welche Entscheidungen in den 1920ern im Bereich Stadtentwicklung haben bis heute Einfluss auf Berlin?

Die Ausstellung ist betitelt mit den Begriffen „Chaos“ und „Aufbruch“. Chaos ist meist negativ besetzt, wobei es vielfach ein Ausgangspunkt für Neues ist. Tatsächlich hat die Novemberrevolution von 1918/19 ein politisches und gesellschaftliches System in kurzer Zeit auf den Kopf gestellt. In einer Zeit großer Verunsicherung vibrierte die Stadt förmlich in der Erwartung von etwas ganz Neuem – und sie brach auf in ein mutiges sozialpolitisches Experiment.

Die Folgen der Hyperinflation von 1923 hatten starke Auswirkungen auf den Wohnungsbau. Als Reaktion wurde die Hauszinssteuer erhoben: Ein Teil der Mieteinnahmen floss nicht an die Hausbesitzer, sondern an den Staat, der auf diese Weise den sozialen Wohnungsbau finanzierte. Damit waren die Möglichkeiten gegeben, in wenigen Jahren zehntausende hochmoderne Wohnungen zu errichten. Berlin setzte mit den großen Sozialsiedlungen des Neuen Bauens internationale Maßstäbe.

Die zentrale Frage der Ausstellung ist: „Wie kann Großstadt gelingen?“ Haben Sie darauf eine Antwort?

Das ist eine Frage, die wir den Besucherinnen und Besuchern stellen. Die Ausstellung ist nicht betitelt mit: „Die 100 besten Ideen“. Wir machen hier keine Vorgaben, sondern zeigen an einem historischen Beispiel, welche Möglichkeiten der Veränderung die Stadt besitzt.

Wir möchten zu einer aktiven Auseinandersetzung mit der Gegenwart und Zukunft Berlins anregen. Dazu wurden Stimmen aus einem breiten Spektrum der Gesellschaft eingeholt und mit ausgestellt. Die sogenannten Impuls-Projekte von externen Partnern finden dabei ganz eigene Zugänge zu den großen Themen – ob partizipativ, künstlerisch, wissenschaftlich oder journalistisch. Beim Besuch im Märkischen Museum können aber auch eigene Meinungen und Ansichten ausgedrückt und dagelassen werden. Die Ausstellung bleibt so in Bewegung – wir alle können Berlin neue Impulse geben!

Vielen Dank für das Gespräch!

100 Jahre Gewobag

Im letzten Jahr feierte auch die Gewobag ihr 100-jähriges Jubiläum und gehört somit zum geschichtlichen Diskurs, wie Großstadt gelingen kann. Erfahren Sie hier mehr über die Geschichte und das Jubiläum der Gewobag.

*Die Ermittlung der GewinnerInnen erfolgt im Rahmen einer auf dem Zufallsprinzip beruhenden Verlosung unter allen Teilnehmenden. Die GewinnerInnen werden von uns benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Titelphoto © bpk | Foto: Friedrich Seidenstücker + © Sina Ettmer | stock.adobe.com

Photo Infobox © Sigrid Nerlinger – Stadtmuseum Berlin | Foto: Michael Setzpfandt