„Wer baut, investiert in die Zukunft!“

Read this article in English

Markus Terboven, Vorstandsmitglied der Gewobag, im Gespräch über Ziele und Herausforderungen für 2020. Über das wachsende Berlin mit dem Erbe der geteilten Stadt, der immensen Bedeutung des Neubaus auch über die Stadtgrenzen hinaus, der Digitalisierung und der Schwierigkeit, sich auf einen Lieblingsort in der Stadt festzulegen.


Herr Terboven, ein neues Jahr ist angebrochen. Welcher Ihrer persönlichen Vorsätze wird am schwierigsten umzusetzen sein?

Zeit für die Familie und Zeit für die Kinder zu finden, ist immer ein riesengroßes Thema. Das ist in meinem Job nicht ganz so einfach. Aber ich arbeite daran.

Sie kommen ursprünglich aus Essen und kennen Berlin nun schon seit über 16 Jahren. Was verbindet Ihrer Meinung nach diese beiden Städte? Was können sie vielleicht voneinander lernen?

Berlin und Essen sind definitiv beides Städte, die eine lange Durststrecke hinter sich haben. Essen könnte sich einige Dinge von Berlin abgucken, andere wiederum nicht. In Berlin sind viele Sachen richtiggemacht worden, was die Investitionen etwa in Hochschulbildung oder Kultur angeht. Das sind, wie ich glaube, ganz wichtige Standortfaktoren. Natürlich gibt es Themen, die man aufgrund der verschiedenen Funktionen der Städte nicht kopieren kann. Essen hat Potenzial und ist durchaus eine kulturell interessante Stadt, obwohl das von außen betrachtet vielen gar nicht so bewusst ist.  

Wenn wir über die Gewobag und das vergangene Jahr sprechen, stand dieses im Zeichen des Ankaufs, wie etwa des Pallasseums oder des ADO Ankauf mit 6.000 Wohnungen in Spandau und Reinickendorf. Warum sind die Ankäufe wichtig für Berlin?

Also, man muss zwei Dinge sehen. Wir haben die Ankäufe insbesondere verfolgt, weil es für die Gewobag die Chance war, Bestände zu einem vertretbaren Preis zu erwerben und auch zu bewirtschaften. Bestände, die sehr gut zur Gewobag passen. Die Gewobag ist ihrerseits als landeseigenes Unternehmen Teil der Wohnungspolitik des Landes Berlin und somit sind wir zusammen mit den anderen städtischen Gesellschaften einer der fairsten Vermieter in Berlin. Da ist es für die über 10.000 neuen Mieterinnen und Mieter auch ein Vorteil bei uns zu wohnen. Für Berlin als Stadt eröffnet es noch mal Möglichkeiten, bei der Wohnungspolitik ein bisschen dämpfend zu wirken. Es ist mehr als der Tropfen auf den heißen Stein, aber man darf auch keine Wunder erwarten bei der Größe des Portfolios.

„Der Ankauf mit den 6.000 Wohnungen in Spandau und Reinickendorf ist einer der größten, den eine städtische Gesellschaft bisher getätigt hat. Aber das hat auf unsere Neubauplanung keinen Einfluss.“

Zum Ankauf gab es auch einige kritische Stimmen. Es wurde etwa moniert, dass das Geld deutlich besser in Neubauten investiert sei. Was antworten Sie den Kritikern?

Das sind ja reflexartige Kritiken, die man immer wieder hört. Angefangen von der Behauptung, es würden Steuergelder investiert. Das ist falsch, weil wir nicht mit Steuergeldern arbeiten, schon gar nicht beim Ankauf. Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Ankauf von Beständen und dem Neubau, weil sich diese völlig unterschiedlich finanzieren. Unser Schwerpunkt liegt gestern, heute und morgen eindeutig auf dem Neubau. Der Ankauf mit den 6.000 Wohnungen in Spandau und Reinickendorf ist einer der größten, den eine städtische Gesellschaft bisher getätigt hat. Das hat auf unsere Neubauplanung jedoch keinen Einfluss.

„Insofern wird es unsere Herausforderung sein, in enger Abstimmung mit den Bezirken und dem Land Berlin dafür zu sorgen, dass die Infrastruktur nachwächst.“

Berlin wächst stetig und in einem rasanten Tempo, auch der Stadtrand verändert sich. Inwiefern hat das Auswirkungen auf die Gewobag?

Berlin und Brandenburg wachsen zusammen. Das hat für die Gewobag dahingehend Auswirkungen, dass wir selber planen, in Brandenburg zu investieren, wo es für diejenigen, die dort leben, gut möglich ist, nach Berlin zu kommen. Es sind Investitionen mit direktem Bezug zu Berlin. Das tun auch viele andere aus den verschiedensten Gründen.

Für die Gewobag selber kann man konstatieren, dass wir natürlich vor allem innerhalb der Berliner Grenzen in große bzw. zukünftig große Quartiere investieren. Das werden mehrere Tausend Wohnungen sein, teilweise jetzt schon verkehrlich gut erschlossen. Teilweise muss das noch passieren. Insofern wird es unsere Herausforderung sein, in enger Abstimmung mit den Bezirken und dem Land Berlin dafür zu sorgen, dass die Infrastruktur nachwächst. Wir sind beim Thema Mobilität relativ weit vorne, was unsere Möglichkeiten angeht. Aber was den öffentlichen Personalnahverkehr betrifft, sind wir natürlich auf das Land Berlin und die dortigen Investitionen angewiesen. Dort ist das Thema angekommen. Und man sieht, dass Politik da, wo der Druck groß wird, in der Lage ist, zu handeln. Man muss energisch, konsequent und zielstrebig hinterher sein. Es ist definitiv eine spannende Herausforderung. Viele Berlinerinnen und Berliner werden die Möglichkeit haben, auch außerhalb der trubeligen Innenstadt qualitätsvoll zu wohnen, ohne auf die Möglichkeiten, die diese Stadt bietet, zu verzichten.

Markus Terboven, seit 2008 Vorstandsmitglied der Gewobag, beim Gespräch in seinem Büro am Spreeufer in Alt-Moabit.

Was denken Sie: Wird Berlin zu einer Mega-City wie London? Und worauf müssen wir bei der Stadtentwicklung besonders achten?

Berlin wird definitiv noch deutlich wachsen. Aber es wird nicht diese Bedeutung für Deutschland haben, wie sie London für Großbritannien hat. Gleiches gilt auch im Vergleich zu Paris und Frankreich. Weil sich eben in diesen beiden Ländern, anders als in Deutschland, fast alles Wesentliche in der Hauptstadt konzentriert. Berlin hat eine ganz andere Historie als geteilte Stadt, eine andere relative Bedeutung für Deutschland. Viele ökonomisch bedeutsame Cluster sind in anderen Städten als Berlin verortet, ob es die Finanzwirtschaft, die Versicherungsbranche oder die Industriebereiche mit den dortigen Konzernzentralen sind. So haben wir nach wie vor keine relevanten Hauptsitze von großen DAX-Unternehmen in Berlin. Das wird sich wahrscheinlich ändern, wird aber viele Jahre dauern. Das hat für Berlin aber auch eine Menge Vorteile. Die Entwicklungen in den letzten fünf bis zehn Jahren wären sonst viel dramatischer abgelaufen. Und insofern bin ich eigentlich ganz froh, dass wir eine ziemlich ausbalancierte Bundesrepublik haben, in der Berlin eine Chance hat, sich nicht ganz so mit dem Druck und den riesigen Erwartungshaltungen entwickeln zu müssen, sondern seinen eigenen Weg gehen kann. Und das tut Berlin glaube ich. Es ist zwar noch eine Menge zu tun, das ist aber kein Wunder bei einer Stadt, die im Prinzip erst vor zehn, zwanzig Jahren aus einem mehr oder minder politisch erzwungenen Dornröschenschlaf erwacht ist.

Die Veränderungen der Stadt gehen sicherlich auch an der Gewobag nicht spurlos vorbei. Wie rüstet sich die Gewobag für die Zukunft?

Das eine, was man glaube ich erstmal sehr leicht ablesen kann, ist, dass wir mitwachsen. Dass wir versuchen, der steigenden Nachfrage zu entsprechen. In den letzten Jahren kamen ja jährlich 30.000 bis 50.000 Menschen dazu. 2019 waren es 18.000, die nach Berlin kamen. Das ist ein rückläufiger Trend. Wir werden in den nächsten Jahren 10.000 bis 15.000 Wohnungen bauen. Die Hälfte dieser Wohnungen wird unter 7 €/m² kosten. Und das ist ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Aber jenseits dieser rein quantitativen Betrachtung haben wir natürlich die Situation, dass sich die Gesellschaft und die Wirtschaft in einem Umbruch befinden, den wir noch gar nicht abschließend begreifen können: die Digitalisierung. Das Wort ist ja inzwischen eine Allzweckwaffe. Dem müssen wir uns in jeder Beziehung stellen. Einmal intern, indem wir einfach unsere Prozesse an der Stelle anpassen, schneller machen, schlanker machen. Da sind wir schon einen Schritt vorangekommen, haben aber auch noch einiges zu tun. Und wir beschäftigen uns in diesem Kontext auch mit den anderen Herausforderungen. Das Thema Wohnen ist nicht mehr allein das Zur-Verfügung-Stellen von ein paar Quadratmetern, die sich auf ein, zwei weitere Räume verteilen. Man muss auch die Infrastruktur mitdenken, bei Neubauquartieren und in bestehenden Quartieren.  Das betrifft auch die Mobilität, mit der wir uns sehr intensiv beschäftigen.

Markus Terboven spricht von 10.000 bis 15.000 Wohnungen, die die Gewobag in den nächsten Jahren bauen wird.

Mobilität wird einen Wandel erfahren, der sich nicht nur in der Frage Verbrennungsmotor versus Elektromobilität versus Wasserstoff abbildet, sondern auch in den Fragen: Will ich in zehn Jahren als normaler Berliner oder als normale Berlinerin ein Auto haben oder will ich mir eins leihen? Was ist günstiger für mich? Was geht dann überhaupt noch in dieser Stadt? Wo kann ich noch Autos parken, wo kann ich sie fahren?

Ein anderes Thema ist die Überalterung der Gesellschaft. Wir wissen, dass ein immer größerer Anteil unserer Mieterinnen und Mieter immer älter wird und so steht die aktuelle Frage im Raum, ob man ihnen den heutigen Wohnraum aus deren Perspektive zumuten kann. Diese Frage können wir in vielen Fällen heute schon mit Nein beantworten. Da müssen wir technisch nachrüsten und wir müssen sehr viel stärker darüber nachdenken, wie wir diese Menschen mit Dienstleistungen versorgen können. Das Thema Pflegedienstleistungen und ambulante Pflege wird für einen immer größer werdenden Anteil der Bevölkerung insgesamt und spiegelbildlich für unsere Mieterinnen und Mieter an Bedeutung zunehmen und zwar massiv. Darauf richten wir uns ein, das heißt Umbau von Wohnungen und Ergänzungen von Siedlungen mit einem starken Engagement auf der Dienstleistungsebene. Wir werden uns daran beteiligen, dass diese Dienstleistungen mit einem sehr guten Preis-Leistungsverhältnis unseren Mieterinnen und Mietern und auch deren Nachbarschaft zur Verfügung gestellt werden können. Wir hoffen, dass wir das in zwei, drei Jahren auf unseren Bestand ausrollen können. Da bin ich sehr gespannt. Da sind wir sehr hinterher.

„Und da freue ich mich auch persönlich drauf, weil es mit Menschen zu tun hat, die wir hier an Bord holen. Mit denen wir zusammen vorankommen wollen…“

Welches Projekt liegt Ihnen 2020 besonders am Herzen?

Es gibt sehr viele Projekte muss ich ehrlicherweise sagen. Was man als Ganzes sehen muss, ist die Art und Weise, wie wir in das Thema Neubau einsteigen. Mit deutlich über 3.000 Wohnungen gehört dieses Vorhaben, seit unseren Anfängen in Haselhorst, zu der höchsten Anzahl errichteter oder begonnener Wohnungen. Das zu managen und dann auch zu Ende zu bringen ist eine große Herausforderung. Das entsprechende Managementteam so aufzustellen, dass es das mit einem hohen Qualitätsanspruch hinbekommt, wird ein wichtiges Projekt sein.

Daneben steigen wir in das Thema Digitalisierung sehr intensiv ein. Sowohl in der Perspektive nach innen, als auch in der Frage, wie wir diese Themen nach außen tragen. Ich würde sagen, das sind die zwei Sachen, die mich in diesem Jahr am meisten beschäftigen. Darüber hinaus werden wir einem regelmäßigen kontinuierlichen Wandel unterworfen sein, was Strukturen und Prozesse angeht. Ich freue mich, dass wir ständig junge Leute einstellen können, dass wir unsere Belegschaft auffrischen und neue Themen anbieten können. Wir haben ein noch nie dagewesenes Spektrum an Leistungen. Die Themen Personalentwicklung und Organisationsentwicklung werden in diesem und im nächsten Jahr konzeptionell und in der Umsetzung innerhalb des Unternehmens eine große Rolle spielen. Da freue ich mich persönlich drauf, weil es mit Menschen zu tun hat, die wir hier an Bord holen. Menschen, mit denen wir zusammen vorankommen, Erfolge haben, neue Geschäftsfelder angehen, neue Projekte stemmen wollen.

Ein Freund kommt nach Berlin und war noch nie hier. Er hat aber nur eine Stunde Zeit. Wohin schicken Sie ihn, um einen guten ersten Eindruck von Berlin zu bekommen?

Ganz klar in unser URBAN NATION Museum. Der muss nach Schöneberg in die Bülowstraße und sich das angucken. Ich glaube, das ist ein typischer Berliner Mikrokosmos, den er nie vergessen wird. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch Leute, die mehr als eine Stunde Zeit hatten, mir immer wieder von diesem Museum berichtet haben.

Und Ihr Lieblingsplatz in Berlin?

Mein Lieblingsplatz in Berlin? Ich habe viele. Ich mag eine Reihe von Stadtteilen sehr. Ich mag solche Kleinode wie den Berliner Zoo. Da bin ich früher viel mit den Kindern gewesen. Ich mag gewisse Orte in Charlottenburg, in Schöneberg. Jetzt ganz konkret zu sagen „Mein Lieblingsplatz ist…, das würde mir tatsächlich schwerfallen. Aber es sind auch die Momente. Als ich heute Morgen den Sonnenaufgang zwischen Philharmonie und Sony Center gesehen habe, habe ich mir gesagt, die Zeit dafür muss man sich nehmen und habe diesen Moment nur für mich genossen.

Photos © Maren Schulz